Bauhaus-Universität Weimar

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Gesichtsvorstellungen. Erfahrungen an operirten Blindgeborenen. 
ein Urtheil über die Richtung des Lichtes schon vor der Operation möglich 
war. In dem einen Fall von Wardrop, in welchem eine Verwachsung der 
Iris getrennt werden musste, war dagegen wohl nur eine sehr unvollkommene 
Unterscheidung von Hell und Dunkel vorhanden. Ferner ist zu beachten, dass 
entweder überhaupt nur ein Auge, oder dass das zweite Auge längere Zeit 
nach dem ersten operirt wurde (in dem Fall von Cheselden). Alle diese Be¬ 
richte stimmen nun darin überein, dass die Operirten ein Urtheil über die Ent¬ 
fernung der Gegenstände nicht besitzen, dass sie die Grösse und Form derselben 
nur sehr unvollkommen auffassen, letztere namentlich dann, wenn Erhaben¬ 
heiten und Vertiefungen Vorkommen. Ein Gemälde erscheint ihnen anfänglich 
wie eine bunt bemalte Fläche ; erst allmälig lernen sie die Bedeutung der Schat- 
tirung und Perspective verstehen. Dem Operirten des Dr. Franz erschienen 
entfernte Gegenstände so nah, dass er sich fürchtete an sie anzustossen. Ein¬ 
fache Formen, wie Vierecke und Kreise, erkannte er zwar ohne Betastung, 
aber er musste erst über sie nachdenken, wobei er angab, dass er gleichzeitig 
ein gewisses Gefühl in den Fingerspitzen (ohne Zweifel reproducirte Tastempfin¬ 
dungen) zu Rathe ziehe. Die von Wardrop operirte Dame , deren Blindheit voll¬ 
ständiger gewesen war, konnte einen Schlüssel und einen silbernen Bleistifthalter, 
die sie durch Betasten deutlich erkannt hatte, mit dem Gesicht nicht unter¬ 
scheiden. Offenbar sind in allen diesen Fällen jene Bestandtheile der monocu- 
laren Gesichtswahrnehmung, welche auf wirklichen Associationen beruhen 
(S. 630), unvollkommen oder gar nicht ausgebildet. Ebenso zweifellos geht aber 
auch aus den Beschreibungen hervor, dass alle Operirte, selbst die Dame von 
Dr. Wardrop, die Eindrücke in räumlicher Ordnung auffassten und in Bezug 
auf ihre Richtung unterschieden. Die Verlegenheit oder sogar das Unvermögen 
die Gestalt der Objecte anzugeben, darf in dieser Beziehung nicht irre machen. 
Der Operirte hat bisher seine Vorstellungen nach den Eindrücken des Tastsinns 
geordnet. Um eine durch den Gesichtssinn wahrgenommene Form zu bezeich¬ 
nen, muss er sie also mit der Tastvorstellung vergleichen, sei es durch unmit¬ 
telbares Befühlen, sei es durch Herbeiziehen reproducirter Tastvorstellungen. 
Als Beweise für die ursprüngliche Bildung der Gesichtsanschauung durch Er¬ 
fahrung können daher diese Beobachtungen nicht angeführt werden. Anderseits 
liefern sie aber auch freilich keinen Gegenbeweis, weder gegen die empiristische 
noch gegen die genetische Theorie im allgemeinen, da durch die vor der Ope¬ 
ration stattfindenden Lichteindrücke immer eine gewisse Orientirung im Sehfelde 
slattfmden konnte. Sie geben dagegen belehrende Belege für die verhältniss- 
mässig langsame Ausbildung gerade jener Bestandtheile der Wahrnehmung, 
welche auf Associationen beruhen.
        

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