Bauhaus-Universität Weimar

Durchsichtigkeit und Glanz. Stereoskopische Versuche. Das Stereoskop. 615 
Gleichheiten der Zeichnung oder der Erleuchtung selbständig die Aufmerk¬ 
samkeit auf sich lenkt, verschwindet hinwiederum die Deutlichkeit des Spiegel¬ 
bildes; es entsteht Glanz, der ganz und gar als eine Eigenschaft der zu¬ 
nächst gesehenen Oberfläche aufgefasst wird. So erfährt denn auch bei 
diesen Erscheinungen der Satz, dass unser Sehfeld stets eine Fläche ist, 
keine Ausnahme. Gerade der Glanz bietet eine augenfällige Bestätigung 
desselben. Denn Glanz tritt unter solchen Bedingungen ein, wo die Auf¬ 
fassung der spiegelnden Fläche und des hinter ihr gelegenen Spiegelbildes 
annähernd gleichmässig begünstigt ist. Hier sollten wir also zwei Ober¬ 
flächen in derselben Richtung sehen. Aber wir sind nicht im Stande dies 
in einer Vorstellung zu vereinigen; wir fassen daher das gespiegelte Licht 
nur als eine Modification der spiegelnden Fläche auf, die wir daneben doch 
in ihrer ursprünglichen Farbe und Helligkeit annähernd erkennen. Hierin 
eben besteht das Wesen des Glanzes, der demnach ebenso gut eine psy¬ 
chologische wie eine physikalische Erscheinung genannt werden kann1). 
Zur Untersuchung der stereoskopischen Erscheinungen ist es für manche 
Zwecke unerlässlich, sich auf das Stereoskopiren ohne Stereoskop 
einzuüben. Es gelingt dies am besten, wenn man zunächst möglichst einfache 
Objecte, z. B. zwei verticale Stäbe, wählt, die man durch Kreuzung der Ge¬ 
sichtslinien bald vor bald hinter denselben zum Verschmelzen bringt. Hat man 
auf diese Weise gelernt, nach Willkür einen imaginären Blickpunkt zu wählen, 
so gelingt dann auch leicht die Combination einfacherer stereoskopischer Zeich¬ 
nungen, wie der Fig. 129 oder 130 (S. 591 u. 93). Man bemerkt, dass dieselben 
erhaben erscheinen, die abgestumpfte Spitze dem Beobachter zugekehrt, wenn 
man sie durch Fixation eines hinter ihnen gelegenen Punktes zur Vereinigung 
bringt ; dagegen kehrt sich das Relief um, sie erscheinen vertieft, wenn man 
den Blickpunkt vor den Zeichnungen wählt. Es tritt hier derselbe Effect ein, 
den man durch Vertauschen der für das rechte und linke Auge bestimmten 
Bilder erhält. Um bei momentaner Erleuchtung durch den elektrischen Funken 
zu stereoskopiren, lässt man sich einen innen geschwärzten Kasten aus Holz 
oder Pappdeckel verfertigen, an dem sich auf der einen Seite zwei Löcher be¬ 
finden, welche die Distanz der beiden Augen besitzen. Diesen Löchern gerade 
gegenüber ist ein Schieber angebracht, auf welchem die stereoskopischen Zeich¬ 
nungen befestigt werden. Um vor eintretender Erleuchtung den Blickpunkt zu 
fixiren, ist die Mitte jeder Zeichnung samt dem Schieber durchbohrt : die 
beiden auf diese Weise entstehenden Lichtpunkte müssen durch Convergenz 
vor oder hinter denselben verschmolzen werden. Ausserdem ist die Hinter¬ 
wand des Kastens zur Aufnahme elektrischer Leitungsdrähte durchbohrt. Die 
zwischen denselben überspringenden Funken sind dem Auge durch eine kleine 
Papierfläche verdeckt, welche auf der den Drähten zugekehrten Seite weiss ge¬ 
lassen ist, so dass sie das Licht nach den Zeichnungen hin reflectirt. Zur Er¬ 
leuchtung wendet man die Funken der Elektrisirmaschine oder der secundären 
*) Zur Theorie des Glanzes vergl. meine Beiträge zur Theorie der Sinneswahr¬ 
nehmung, S. 315.
        

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