Bauhaus-Universität Weimar

Secundäre Hülfsmiltel der Tiefenvorstellung. Gesichtswinkel. Perspective. 61t 
bald aber auch als ein Uberhängendes Mauerstück von umgekehrter Trep¬ 
penform , indem a hinter b zu liegen scheint •). Dieses Schwanken ist 
dadurch verursacht, dass wir die Grenzlinien u ß bald auf das scheinbare 
»Ansteigen der Fussbodenebene bald auf den scheinbaren Abfall der Decken¬ 
ebene beziehen können. Sobald man daher in der Zeichnung weitere Mo¬ 
mente anbringt, welche die eine oder andere dieser Deutungen ausschliessen, 
wenn man z. B. eine menschliche Figur zeichnet, welche die Treppe hin¬ 
aufsteigt, oder wenn man, um die Vorstellung des Uberhängenden Mauer- 
stücks zu begünstigen, den unteren Theil der Treppe hinweglässt und oben 
die Figur mit der punklirl angedeuteten Linie bei 8 abschliesst, so hört 
jenes Schwanken der Vorstellung vollständig auf. Das nämliche kann durch 
die verschiedene Verlheilung von Licht und Schatten bewirkt werden, 
wenn man also entweder die Fläche b auf den einzelnen Treppenstufen 
oder diese auf der Fläche a ihren Schatten werfen lässt. So bietet über¬ 
haupt der Schlagschatten der Gegenstände ein wichtiges Hülfsmiltel 
für die Auffassung ihrer Lage und Form. In der Morgen- und Abend¬ 
beleuchtung, in der die Schalten der Bäume und Häuser länger sind, schei¬ 
nen uns die Entfernungen grösser als in der Mittagssonne. Ob Gegen¬ 
stände erhaben oder vertieft sind, unterscheiden wir an den Schalten, 
welche ihre Ränder werfen. Eine Ilohlform zeigt die Schalten an der 
dem Licht zugekehrten, eine erhabene Form an der demselben abgekehrten 
Seite. Betrachtet man daher z. B. eine erhabene Medaille, von der das 
Fenslerlicht durch einen Schirm abgehalten ist, während sie von der ent¬ 
gegengesetzten Seite her durch einen Spiegel beleuchtet wird, so erscheint 
das Relief verkehrt2). Nicht bloss der Schatten an sich sondern auch die 
Verhältnisse der Umgebung, wie die Richtung, in der das Licht einfällt, 
bestimmen also in diesen Fällen unsere Vorstellung. 
Bei bekannteren Gegenständen bietet die Grösse des Gesichtswin¬ 
kels das relativ genaueste Maass für die Beurtheilung ihrer Entfernung 
dar:i). Unbekanntere Gegenstände beurtheilen wir daher in Bez.ug auf ihre 
Distanz Verhältnisse nach den uns in ihrer gewöhnlichen Grösse geläufigen, 
wie Menschen, Bäumen, Häusern. Im Verein mit dem Zug der Begren¬ 
zungslinien bildet die Verkleinerung des Gesichtswinkels mit wachsender 
Entfernung die Elemente der Perspective. Bei den allerfernsten Ob¬ 
jecten, den Gebirgen und Wolken, welche den Horizont umsäumen, kön¬ 
nen aber die Hülfsmiltel der gewöhnlichen Perspective nicht mehr zur Gel¬ 
tung kommen : sie erscheinen alle wie auf einer einzigen Ebene ausgebreitet. 
Hier ist dann durch die sogenannte Luftperspective noch die Möglich- 
') Schroeder, Poggendorff’s Annalen, Bd. 105 S. 298. 
-) Oppel, Poggendorff’s Annalen, Bd. 99. iS. 466. 
s) Vergl. S. 532. 
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