Bauhaus-Universität Weimar

Augenmaass in verschiedenen Richtungen des Sehfeldes. 559 
wohl darin, dass wir bei regulären geometrischen Formen, wie beim 
Quadrate und besonders beim Kreis, durch die häufige Betrachtung genau 
gezeichneter Figuren, die Unrichtigkeiten der Schätzung einigermaassen cor- 
rigiren gelernt haben. Ein derartiger Einfluss fällt am meisten hinweg bei 
der Schätzung von Punktdistanzen, und wir dürfen daher wohl annehmen, 
dass wir dabei den ursprünglichen Unterschieden des Augenmaasses am 
nächsten kommen. Man kann aber diese Unterschiede, wie ich glaube, 
auf die verschiedene Grösse der Muskelanstrengungen zurückführen, welche 
das Auge braucht, um sich nach den verschiedenen Richtungen im Sehfelde 
zu bewegen. Wir haben gesehen, dass unter den einfachsten mechanischen 
Bedingungen die Seitenwendung des Auges in der Primärlage geschieht, 
indem an derselben nur das Muskelpaar des Rectus externus und internus 
in merklicher Weise betheiligt ist. Dagegen wirken bei der Hebung und 
Senkung zwei Muskelpaare, Rectus superior und inferior und die Obliqui, 
zusammen, und nach der Lage dieser Muskeln muss hierbei ein Theil des 
Drehungsmomentes eines jeden durch dasjenige des ihm beigegebenen Mus¬ 
kels aufgehoben werden ; denn der gerade und der mit ihm zusammen¬ 
wirkende schiefe Muskel unterstützen sich nur in Bezug auf Hebung und 
- Senkung, sie wirken sich aber entgegen in Bezug auf die Rollung des 
Auges um die Gesichlslinie 1). Hebung und Senkung geschehen also noth- 
wendig mit grösserer Muskelanstrengung als Aussen- und Innen Wendung. 
Wenn nun das Innervationsgefühl ein Maass der Muskelanstrengung und 
zugleich des bei der Bewegung zurückgelegten Weges ist, so erklären sich 
ungezwungen jene mit der Richtung wechselnden Unterschiede der Schätzung : 
wir müssen die verticale Distanz für grösser als eine ihr gleiche horizon¬ 
tale halten, weil zu ihrer Abmessung mit der Bewegung eine stärkere In¬ 
nervation des Auges erfordert wird. Damit ist übrigens durchaus nicht 
gesagt, dass wir, um die angegebene Täuschung hervortreten zu sehen, 
eine wirkliche Bewegung des Auges ausführen müssen. Vielmehr ist die¬ 
selbe bei starrer Fixation der Fiauren oder bei momentaner Beleuchtuna 
durch den elektrischen Funken ebenfalls deutlich zu sehen. Dies hängt mit 
der, wie wir weiter unten sehen werden, durchweg nachweisbaren Fähig¬ 
keit unseres Gesichtssinns zusammen, Raumgrössen, bei deren Abmessung 
ursprünglich offenbar die Bewegung des Auges wirksam gewesen ist, dann 
auch nach dem unbewegten Netzhautbild abzuschätzen. Dieser Umstand 
bildet daher auch keinen Einwand gegen unsere Ableitung, bei der es 
sich ja vielmehr darum handelt nachzuweisen, wie in den Abmessungen 
des ruhenden Sehfeldes der Einfluss der Bewegungen zum Vorschein kommt, 
ein Gesichtspunkt, welcher bei allen noch zu besprechenden Erscheinungen 
>) Vergl. oben S. 536.
        

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