Bauhaus-Universität Weimar

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Gesichtsvorstellungen. 
gleich orientirt bleibt, so müssen hierbei die Wirkungen des oberen und 
unteren geraden sowie der schiefen Muskeln in einem solchen Verhältnisse 
stehen, dass sich die entgegengesetzten Drehungen des Netzhauthorizontes, 
welche durch je zwei zusammenwirkende Muskeln hervorgebracht werden, 
genau compensiren. Nun bewirken, eine gleich grosse Bewegung voraus¬ 
gesetzt, die Obliqui eine viel stärkere Raddrehung als die ihnen verbun¬ 
denen Recti, wie man unmittelbar aus Fig. 100 ersieht. Es muss daher, 
wenn jene Compensation stattfinden soll, bei einer gegebenen Hebung und 
Senkung der gerade Muskel mit grösserer Kraft wirken als der ihm bei¬ 
gegebene schräge Muskel. Hiermit steht denn auch im Einklang, dass 
die Obliqui viel schwächere Muskeln sind als die Recli, so dass, 
wenn einem geraden und einem schrägen Muskel die gleiche Innervation 
zugeführt wird, dadurch von selbst die richtige Compensation ihrer Wir¬ 
kungen eintreten kann. Diese Erwägungen machen es wahrscheinlich, dass 
bei den Hebungen und Senkungen des Auges dasselbe Frincip wie bei 
den Seilwärtswendungen in Anwendung kommt: dass nämlich jede 
Bewegung die möglichst einfache Innervation voraussetzt. 
Man könnte sich freilich fragen, warum, wenn dieses Princip bei der An¬ 
ordnung der Augenmuskeln befolgt ist, nicht auch die Hebung und Sen¬ 
kung gleich der Seitwärtswendung bloss durch zwei symmetrisch gelagerte 
gerade Muskeln geschieht. Die grössere Complication, welche durch die 
Beigebung der Obliqui als Hülfsmuskeln herbeigeführt wird, steht aber 
offenbar damit in Zusammenhang, dass die Hebungen und Senkungen des 
Auges nicht bloss von der Ruhestellung mit gerade nach vorn gerichteten 
Gesichtslinien sondern von jeder beliebigen andern Stellung aus, bei der 
die Gesichtslinien ein- oder auswärts gekehrt sind, erfolgen können. Der 
obere und untere gerade Muskel sind nämlich so gelagert, dass, wenn sie 
sich nach aussen drehen, diejenige Componente ihrer Zugkraft, welche He¬ 
bung und Senkung der Gesichtslinie bewirkt, ab-, bei der Drehung nach 
innen dagegen zunimmt; die schrägen Muskeln haben umgekehrt einen 
solchen Verlauf, dass sich* bei der Drehung nach aussen ihre Wirkung auf 
Hebung und Senkung vermehrt, bei der Drehung nach innen vermindert ^. 
Es erhellt dies unmittelbar aus der Fig. 105 S. 536, wenn man sich die 
Axe h h', um welche die Drehung nach oben und unten staltfindet, un- 
verrückt denkt, während das Auge samt den Muskelaxen rsri, osoi suc- 
cessiv nach aussen und innen gedreht wird. Bei der Drehung der Gesichts¬ 
linie g g' nach aussen nähert sich osoi, bei der Drehung nach innen 
rsri der Axe hh'. Da nun, wie oben bemerkt wurde, die Recti eine 
grössere Wirkungsfähigkeit besitzen, so erhellt ausserdem, dass die Hebung 
i) Wundt, Archiv f. Ophthalmologie VIII 2. S. 62, 77.
        

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