Bauhaus-Universität Weimar

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Gesichtsvorstellungen. 
die Yisirlinien so nahe zusammen, dass der Unterschied vernachlässigt 
werden kann. Den Winkel a' v b', welchen die von den Grenzpunkten 
des Netzhautbildes gezogenen Yisirlinien mit einander bilden, nennt man den 
Gesichtswinkel1). Er ist für uns im allgemeinen das Maass der 
Grösse eines Gegenstandes. Denn Objecten, die unter gleichem Gesichts¬ 
winkel gesehen werden, entsprechen Netzhautbilder von gleicher Grösse. 
Die Erfahrung lehrt nun aber, dass wir trotzdem keineswegs alle Objecte 
von gleichem Gesichtswinkel für gleich gross halten. Vielmehr erscheint 
uns von verschiedenen Objecten mit gleichem Gesichtswinkel dasjenige 
grösser, welches wir in weitere Entfernung verlegen. Wird z. B. dasselbe 
Netzhautbild a ß (Fig. 102) zuerst nach a' b' und dann nach a" b" ver¬ 
legt, so erscheint es im ersten Fall kleiner, im zweiten grösser als das 
wirkliche Object a b. Die Vorstellung der Grösse setzt also ausser dem Ge¬ 
sichtswinkel die Hülfsvorstellung der Entfernung des Gegenstandes vor¬ 
aus. Zur Gewinnung der letzteren steht aber dem visirenden Auge nur 
ein sehr unsicheres Mittel zu Gebote, die Accommodation. Indem wir 
successiv für Gegenstände von verschiedener Entfernung accommodiren, 
können wir einigermassen den näheren von dem ferneren unterscheiden. 
Aber erstens besitzen wir dieses Hülfsmiltel nur innerhalb der Accommo- 
dationsgrenzen, und zweitens ist dasselbe sehr mangelhaft, wie daraus her¬ 
vorgeht, dass das bloss auf seine Accommodation angewiesene Auge Ent- 
fernungsunlerschiede viel unvollkommener als das ohne solche Beschränkung 
functionirende Sehorgan auffasst2). 
Die Fläche, in welche das ruhende Auge alle gleichzeitig sichtbaren 
Punkte in der Richtung der Yisirlinien verlegt, nennen wir das Sehfeld 
des ruhenden Auges. In ihm wird der Abstand der einzelnen Punkte 
1) Häufig ist mit diesem Namen auch der Winkel a k b, welchen die zu den Grenz¬ 
punkten des Objectes gezogenen Richtungsstrahlen mit einander bilden, bezeichnet wor¬ 
den. Beide Winkel sind natürlich, namentlich für ferne Objecte, so wenig ver¬ 
schieden, dass ihr Unterschied nicht in Betracht kommt. Da man aber den Gesichts¬ 
winkel durch Visiren zu bestimmen und als Grundelement der Grössenvorstellung zu 
betrachten pflegt, so ist es angemessen , darunter den Winkel der Yisirlinien zu ver¬ 
stehen. Wo im obigen der Gesichtswinkel im älteren Sinne zur Anwendung kommt, 
z. B. bei der Messung der kleinsten erkennbaren Distanzen oder kleinsten Bildgrössen 
auf der Netzhaut, haben wir ihn darum meistens ausdrücklich als Winkel der Rich¬ 
tungsstrahlen bezeichnet. Auf die Messung des letzteren kommt es natürlich über¬ 
all da an, wo es sich darum handelt, zu einem Object von gegebener Grösse das Netz¬ 
hautbild zu finden, der Gesichtswinkel ihn eigentlichen Sinne steht dagegen in Frage, 
wo umgekehrt zu einem gegebenen Netzhautbild die scheinbare Lage und Grösse des 
äussern Gegenstandes gefunden werden soll. 
2) Um den Einfluss der Accommodation auf das Entfernungsgefühl zu bestimmen, 
brachte ich vor einem gleichförmig weissen Hintergründe in verschiedenen Distanzen 
einen schwarzen Faden an, auf welchen das Auge durch eine innen geschwärzte Röhre 
blickte. (Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnehmung, S. 105 f.) Es zeigte sich, dass, 
wie zu erwarten, überhaupt nur innerhalb der Accommodationsgrenzen ein richtiges 
Urtheil über Annäherung und Entfernung möglich war. Dabei w;ar das Gefühl für die 
Annäherung feiner, was offenbar damit zusammenhängt, dass nur von fern auf nah
        

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