Bauhaus-Universität Weimar

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Gesichts Vorstellungen. 
wo ein Richtungsstrahl die Netzhaut trifft, ist der dem betreffenden Object¬ 
punkt entsprechende Bildpunkt. Denken wir uns nun einen einzelnen 
leuchtenden Objectpunkl im äussern Raume wandern, so muss auch der 
ihm zugehörige Bildpunkt auf der Netzhaut, und zwar im entgegengesetzten 
Sinne, sich bewegen. Hierbei kann die Empfindung nicht vollkommen un- 
geändert bleiben, da jeder Lichteindruck, wenn man von der Mitte der 
Netzhaut auf die Seitentheile übergeht, an intensiver Wirkung abnimmt, so 
dass sich die Empfindung schliesslich in Schwarz umwandelt1). Dieser Ver¬ 
änderung der Empfindlichkeit geht nun eine ebensolche in der Schärfe der 
räumlichen Auffassung parallel. Auch hier zeigt die Mitte der Netzhaut, 
welche wegen der gelblichen Färbung, die sie beim Menschen zeigt, der 
gelbe Fleck (macula lutea) oder, da sie etwas vertieft ist, die Centra 1- 
grube (fovea centralis) genannt wird, einen sehr auffallenden Vorzug vor 
den Seitentheilen, deren Auffassungsschärfe um so mehr abnimmt, je weiter 
sie von der Centralgrube entfernt liegen. Aus diesem Grunde sagt man 
von Objecten, die sich auf dem gelben Fleck der Netzhaut abbilden, dass 
sie direct gesehen werden, während man alle seitlich gelegenen Bilder 
als indirect gesehene bezeichnet. Denjenigen direct gesehenen Punkt, 
dessen Bild genau in der Mitte der Centralgrube liegt, nennt man den 
Fixations- oder Blickpunkt. Der dem Fixationspunkt entsprechende 
Richtungsstrahl wird die Gesichtslinie genannt. Objecte direct zu 
sehen steht vollkommen in der Macht unseres Willens, da wir dieselben 
zu diesem Zweck nur zu fixireu brauchen; alle Willkürlichkeit unserer 
Augenbewegungen besteht aber darin, dass wir den Fixationspunkt des 
Auges im Raume bestimmen. Schwieriger ist es, die auf den Seitentheilen 
der Netzhaut sich abbildenden Objecte zu beobachten, weil wir ge¬ 
wohnt sind, die Gegenstände, auf welche sich unsere Aufmerksamkeit 
richtet, zugleich zu fixiren, und umgekehrt alles was wir nicht direct 
sehen unbeachtet zu lassen. Beim indirecten Sehen muss man diese na¬ 
türliche Verbindung von Aufmerksamkeit und Fixation der Objecte zu 
lösen suchen, indem man ein Object fixirl, während man gleichzeitig einem 
andern, das im Bereich des indirecten Sehens liegt, seine Aufmerksamkeit 
zuwendet. Vergleicht man nun auf diese Weise zwei Objecte von gleicher 
Beschaffenheit, z. B. zwei weisse Punkte auf schwarzem oder zwei schwarze 
beiden Knotenpunkte einander sehr nahe liegen, so kann man denselben, für die meisten 
Zwecke mit ausreichender Genauigkeit, einen einzigen substituiren, welcher auch als 
Kreuzungspunkt der Richtungsstrahlen bezeichnet wird, und welchen man 
nach Listing 0,4764 Mm. vor der Hinterfläche der Linse annimmt. Legt man zwei 
Knotenpunkte zu Grunde, so müssen jedem Richtungsstrah! zwei Linien substituirt 
werden, von denen die erste den Objectpunkt mit dem ersten Knotenpunkt verbindet 
und die zweite der ersten parallel vom zweiten Knotenpunkt zur Netzhaut geführt wird. 
*) S. oben S. 292, 404.
        

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