Bauhaus-Universität Weimar

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Gehörsvorstellungen. 
als das Gebiet der letzteren die deutlich unterscheidbaren Intensitäts¬ 
abstufungen der Empfindung an Ausdehnung übertrifft, wird es fähiger 
grössere Reihen auf einander folgender Vorstellungen in Zusammenhang zu 
bringen. Auch in dieser Beziehung bewährt also das Gehör seine emi¬ 
nente Bedeutung als zeitauffassender Sinn. 
Die Gesetze der Harmonie und der rhythmischen Bewegung der Klänge, 
die im obigen von einander gesondert wurden, haben sich natürlich innerhalb 
des menschlichen Bewusstsein gleichzeitig entwickelt , wie dies augenfällig an 
der Melodie zu Tage tritt, welche auf beiderlei Gesetze gegründet ist. Dabei 
hat aber zweifellos das Gefühl für die rhythmische Bewegung früher seine voll¬ 
ständige Ausbildung erreicht. Der Rhythmik der Alten lassen sich schon alle 
Grundregeln über den Wechsel von Hebung und Senkung und über die Gren¬ 
zen "unserer messenden Zeitautlässung entnehmen. In letzterer Beziehung scheint 
sogar das rhythmisehe Gefühl der Griechen ausgebildeter gewesen zu sein als 
das unserige, da einige ihrer zusammengesetztem rhythmischen Formen der 
heutigen Auflassung Schwierigkeiten bereiten. Es hängt dies wahrscheinlich da¬ 
mit zusammen, dass die poetischen Rhythmen der Alten von den dem Gebiet der 
Klangverwandtschaft angehörenden Hülfsmitteln der Reihen- und Periodenbildung, 
welche die Modernen anwenden, frei waren und dagegen das Zeitmaass mit 
grösserer Strenge berücksichtigten. Bezeichnend für diese der Harmonie vor¬ 
ausgeeilte Entwicklung der Rhythmik ist überdies die geschichtliche Thatsache, 
dass sich das Gefühl für die Verwandtschaft der Klänge nicht aus dem Zu¬ 
sammenklang, welchem das moderne Ohr hauptsächlich das Maass der Harmonie 
oder Disharmonie entnimmt, sondern aus der melodischen Aufeinanderfolge 
entwickelt hat. Nicht gefesselt durch die beim harmonischen Zusammen¬ 
klang in Rücksicht kommenden Verhältnisse der Consonanz und Dissonanz, 
aber auch weniger sicher in der durch die Combinationstöne fühlbar werden¬ 
den indirecfen Klangverwandtschaft, bewegte die Melodie der Alten sich freier 
und mannigfaltiger 1). 
Wie nun das Gefühl für die Harmonie sich langsamer als dasjenige für 
den Rhythmus ausgebildet hat, so haben auch über den Ursprung desselben 
viel widerstreilendere Ansichten geherrscht. Es sind hauptsächlich d rei Theo- 
rieen über diesen Gegenstand aufgestellt worden. Nach der ersten, welche 
zuerst von Euler entwickelt wurde und bis in die neueste Zeit die herrschende 
blieb, erscheinen uns Klänge, deren Schwingungszahlen in dem Verhältniss ein¬ 
facher ganzer Zahlen stehen, desshalb harmonisch, weil uns, wie in der Bau¬ 
kunst, die Einfachheit des Verhältnisses unmittelbar gefällt2). Aber da wir 
von den Schwingungszahlen der Töne kein Bewusstsein haben, so bleibt diese 
Theorie die eigentliche Antwort auf die Frage nach dem Grunde des Harmonie¬ 
gefühls schuldig. Nach der zweiten Ansicht, welche zuerst von Rameau3) 
begründet und dann von d’Alembert4) vervollständigt wurde, nennen wir solche 
1) Vgl. Vortlage, das musikalische System der Griechen in seiner Urgestalt. Leip¬ 
zig 1847. 
2) Euler, nova theoria rnusicae, Cap. II, p. 26 seq. 
3) Nouveau système de musique. Paris 1726. 
4) Élémens de musique théorique et pratique suivant les principes de M. Rameau. 
Nouv. édit. Lyon 1766.
        

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