Bauhaus-Universität Weimar

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Gehörsvorstei I ungen. 
Tastorgan fähig ist , seine Eindrücke zu loealisiren und räumlich zu ordnen. 
Um diesen Einwand zu beseitigen, muss sie sich mit der vorigen Ansicht com- 
hiniren: sie muss Localzeichen annehmen, welche die Wiedererkennung eines 
Eindrucks in Bezug auf den Ort seiner Einwirkung möglich machen. Hiermit 
ist aber derjenigen Theorie der Boden bereitet, welche wir oben entwickelt 
haben x). 
Dreizehntes Capitel. 
Gehörs Vorstellungen. 
Vor andern Vorstellungen zeichnen sich die des Gehörssinnes durch 
die Eigenschaft aus, dass sie aus einer ausserordentlich reichen, aber 
gleichartigen sinnlichen Grundlage entspringen. Das einzige Material für 
ihren Aufbau bilden nämlich die Ton- und Geräuschempfindungen. Inner¬ 
valionsgefühle oder andere Sinneseindrucke, die dem Gebiet der Geräusche 
und Klänge fremd sind, wirken nicht oder doch nur in höchst secundärer 
Weise bei ihrer Bildung mit. Durch die Bewegungen des Halses und des 
äusseren Ohres, welchem einigermaassen die Rolle eines Schallbechers zu¬ 
kommt, wird zwar die Verlegung des Schalls nach bestimmten Richtungen 
des Raumes vermittelt2). Aber dieser Vorgang ist von keiner wesent- 
9 Die Grundzüge derselben sind schon in der 1858 erschienenen ersten Abhandlung 
meiner »Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnchmung« auseinandergesetzt. Doch ist 
dort, auf die Entstehung der Bewegungsvorslelluug und ihren maassgebenden Einfluss 
auf die räumliche Ordnung der Tasteindrücke nocli nicht die gebührende Rücksicht 
genommen. Auch vermutbete ich, nur beim Blindgeborenen stelle sich diese Ordnung 
durch die reine Wechselwirkung der Tast- und Bewegungsempfindungen fest, während 
beim Sehenden der Gesichtssinn helfend eingreife, so dass dann nur mittelst des Local¬ 
zeichens der aus der Gesichtsvorstellung bekannte Ort der Tastfläche festgestellt zu 
werden brauche. Aber da auch beim Sehenden überall nur die Bewegung deutliche 
Spuren ihres Einflusses zurücklässt, der Gesichtssinn gar keine (vergl. oben S 480), 
so glaube ich nunmehr unter allen Umständen für die räumlichen Tastvorstellungen die 
Selbständigkeit der Entwicklung annehmen zu sollen. 
2) Die wesentlichste Rolle bei dieser, übrigens stets sehr unvollkommenen Loca¬ 
lisation der Schalleindrücke spielt wahrscheinlich der Spannmuskel des Trommelfells 
(muse, tensor tympani). Derselbe wird, sobald Schallwellen das Ohr treffen, unwill¬ 
kürlich in Contraction versetzt. Durch das Trommelfell werden aber nur solche Schall¬ 
eindrücke dem Gehörlabyrinth zugeleitet, welche zunächst durch die Luft sich fortge¬ 
pflanzt. haben, während jene, die im Gehörorgane selbst oder dessen Nachbarschaft 
entstehen, durch die Kopiknochen zu den Enden des Hörnerven gelangen. Füllt man 
daher den äussern Gehörgang mit Wasser, wobei das Trommelfell nicht mehr gespannt 
werden kann, so werden, wie En. Wf.üer zuerst beobachtet liât, starke Schalleindrücke 
so gehört, als wenn sie im Ohre selber entstünden. Auch darüber, oh der Schall von
        

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