Bauhaus-Universität Weimar

490 
Tast- und Bewegungsvorstellungen. 
Zeitanschauung ein, die gleich dem Raume eine allgemeine Form der 
Verbindung unserer Vorstellungen ist. Die Bedingung zu dieser Verbindung 
ist überall da gegeben, wo intensiv oder qualitativ unterschiedene Empfin¬ 
dungen in gleichmassiger Folge sich wiederholen. Diese Forderung ist nun 
vollständig bei jenen Empfindungen erfüllt, welche unsere eigene Bewegung 
begleiten. Hierbei bilden sowohl die Innervations-wie die Tastgefühle eine 
Reihe stetig in einander übergehender Empfindungen, die sich bei wiederholter 
Bewegung wieder in derselben Weise erneuern1). Mittelst der Zeitanschauung 
entwickeln sich unmittelbar diejenigen Modalitäten der BewegungsVorstellung, 
welche an die Vorstellung des bewegten Theiles sich anschliessen, nämlich 
Umfang, Richtung und Geschwindigkeit. Die Vorstellungen von Umfang und 
Richtung gewinnen wir, indem wir successiv die einzelnen Lagen wahr¬ 
nehmen, welche das bewegte Glied annimmt. Die Grösse der äussersten 
Lageverschiedenheit gibt den Umfang, die Beziehung der Lageänderung 
zu unserm übrigen Körper die Richtung der Bewegung. Je grösser in¬ 
nerhalb einer gegebenen Zeit der Umfang der Bewegung ist, um so grösser 
ist deren Geschwindigkeit. Die Vorstellung der Geschwindigkeit kann 
sich daher aus der Vergleichung verschiedener Bewegungen entwickeln, 
wenn dabei die Zeit wechselt,, in welcher ein bestimmter Umfang durch¬ 
messen wird. 
Mit diesen Bestandteilen, welche sämmtlich die Zeitanschauung in 
sich begreifen, verbindet sich, wie schon bemerkt, in untrennbarer Weise 
die Vorstellung der bewegenden Kraft. Sic setzt sich zusammen aus 
der Vorstellung der intendirten Anstrengung, welche unmittelbar in dem 
Innervationsgefühl ihr Maass hat, und aus der Vorstellung des Widerstan¬ 
des, welche hauptsächlich aus Tastgefühlen stammt. Die wechselnde Wreisc, 
in der beide Empfindungen verbunden sind , bestimmt hauptsächlich die 
Verschiedenheiten der Kraftvorstellung. Das Gefühl der Energie nebst der 
Empfindung eines nicht zu bewegenden Widerstandes gibt die Vorstellung 
der todlen Kraft oder der Masse, Energie und überwundener Wider¬ 
stand zusammen erzeugen die Vorstellung der lebendigen oder wirk¬ 
lichen Kraft. Die letztere wird gemessen durch das Verhältniss des 
Energiegefühls zu der Tastempfindung, die dem überwundenen Wider¬ 
stande entspricht; für die todte Kraft aber haben wir kein bestimmtes 
Maass, indem der Grad, bis zu welchem die Energie und der Tasteindruck 
gesteigert worden sind, nur eine untere Grenze für die Grösse der Masse 
abgibt. 
In der Bewegungsvorstellung begegnen sich Raum- und Zeitanschauung. 
Sie ist räumlich, weil jede Bewegung eine Succession einzelner Raumlagen 
•) Näheres über die Bedingungen der Zeitauffassung vergl, in Cap. XVI.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.