Bauhaus-Universität Weimar

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Tast- und Bewegungsvorstellungen. 
Tastorgane ihre Anwendung. Hier verschmelzen die Tastempfindungen und 
Innervationsgefühle zu untrennbaren Bestandteilen. Indem wir unsern 
Arm bewegen wollen, gesellt sich, noch bevor die Bewegung wirklich aus¬ 
geführt wird, zu dem Innervationsgefühl schon das blasse Reproduclions- 
bild der Tastempfindungen, welche die Bewegung begleiten werden. So 
kommt es, dass unmittelbar mit der motorischen Innervation sich die Vor¬ 
stellung des bewegten Körperteils und sogar eine unbestimmte Vorstellung 
der Bewegung, welche derselbe ausführen wird, verbindet. Wir kennen 
in der That weder Tastempfindungen noch Innervationsgefühle in ihrem 
vollkommen isolirten Bestehen. Wo die einen oder andern für sich sind, 
da werden sie immer durch Reproduction zu einem Emplindungscomplexe 
ergänzt, der die räumliche Anschauung bereits mit sich führt. Daran kann 
also nie gedacht werden, die Elemente dieser Anschauung in ihrer ur¬ 
sprünglichen Natur zu beobachten. 
Die Localzeichen des Tastsinns bilden ein Continuum von zwei Dimen¬ 
sionen, welches damit die Möglichkeit enthält, die Vorstellung einer fläche 
zu entwickeln. Aber das Continuum der Localzeichen enthält an und für 
sich noch nichts von der Raumvorstellung. Wir nehmen daher an, dass 
diese erst durch die Rückbeziehung auf das einfache Continuum der ln— 
nervalionsgefühle entsteht. Die letzteren in ihrer bloss intensiven Ab¬ 
stufung geben für die beiden Dimensionen der Localzeichen ein gleich¬ 
förmiges Maass ab und vermitteln so die Anschauung einer stetigen Mannig¬ 
faltigkeit, deren Dimensionen einander gleichartig sind. Die Form der 
Fläche, in welche die Localzeichen geordnet werden , ist zunächst völlig 
unbestimmt. Sie wechselt mit der Form der betasteten Oberfläche. Durch 
die Bewegungsgesetze der Gliedmassen sind aber solche Lageänderungen be¬ 
vorzugt, bei welchen sich das Tastorgan geradlinig den Gegenständen 
entgegen oder an ihnen hinbewegt. Indem so die Gerade zum bestimmen¬ 
den Element des Tastraumes wird, erhält der letztere die Form eines 
ebenen Raumes, in welchem die in ihrer Krümmung wechselnden Flächen, 
die wir durch Belastung wahrnehmen, auf drei Dimensionen zurückgeführt 
werden müssen1). 
Die eigentümliche Verbindung peripherischer Sinnesempfindungen und 
centraler Innervalionsgefühle, welche hier die räumliche Ordnung der cr- 
steren hervorbringt, wollen wir als eine psychische Synthese bezeich¬ 
nen. Denn die herkömmlichen Bedeutungen des Begriffs der Synthese ent¬ 
halten meistens die Beziehung auf neue Eigenschaften eines Producles, die 
in seinen Bestandteilen noch nicht vorhanden waren. Wie im synthe¬ 
tischen Urtheil dem Subject ein neues Prädicat beigelegt wird, und wie 
1) Vergl. hierzu Cap. XVI.
        

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