Bauhaus-Universität Weimar

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Tast- und Bewegungsvorstellungen. 
sprochen werden, wenn er der Erfahrung einen maassgebenden Einfluss 
zuschreibt. Aber damit ist nicht bewiesen, dass die Tastvorstellung 
selbst aus der Erfahrung entspringt. Denn Erfahrung und Uebung können 
erst ihre Hebel ansetzen, wenn eine räumliche Vorstellung schon gegeben 
ist. Will man endlich zwischen beiden Ansichten so vermitteln, dass man 
zwar eine bestimmte Localisation für ursprünglich gegeben hält, dann aber 
der Erfahrung einen verändernden Einfluss zugesteht, so ist der Fehler des 
Nativismus, mit der physiologischen Bedingung auch ihre psychologische 
Folgeerscheinung gesetzt zu haben, nicht vermieden, und es ist ausserdem 
der neue Fehler begangen, dass man eine fest gegebene Raumvorstellung 
annimmt und dieselbe doch für bestimmbar durch Erfahrungseinflüsse an— 
sieht. Nimmt man aber seine Zuflucht zu einer völlig unbestimmten Lo¬ 
calisation, die ihre Beziehung auf den wirklichen Raum erst von der Er¬ 
fahrung erwartet, so steht dies im Widerspruch mit dem Begriff der 
Localisation als der Beziehung auf einen bestimmten Ort im Raume. 
Hierdurch werden wir von selbst auf den entscheidenden Punkt hingeführt, 
welchen Nativismus und Empirismus beide verfehlen. Die Theorie der 
Tastvorstellungen hat zu erklären, wie aus den gegebenen Organisations¬ 
bedingungen die räumliche Ordnung der Tastempfindungen nach psycho¬ 
logischen Gesetzen entsteht. Durch diese Form der genetischen Theorie 
haben einerseits die Einflüsse der Structur ihr Recht erhalten, und ist ander¬ 
seits die Grundlage gegeben, auf welcher Erfahrung und Uebung weiter 
bauen können. 
Alle Beobachtungen weisen uns nun auf die Bewegung als den für 
die Tastwahrnehmung neben den Gefühlsempfindungen der Haut nächst 
wesentlichen Factor hin. Schon die Sprache begreift unter dem Ausdruck 
des Taste ns zugleich die Bewegung der empfindenden Theile. Nach der 
Beweglichkeit der letzteren richtet sich durchweg die Feinheit der Locali¬ 
sation. Fehler derselben werden mittelst tastender Bewegungen verbessert; 
Entfernungen, die das ruhende Tastorgan nicht erkennt, werden mit dem 
bewegten deutlich aufgefasst; bei der Uebung endlich kommt den Be¬ 
wegungen eine wichtige Rolle zu. Als Zeugniss für die selbständige Ent¬ 
wicklung des Tastorgans mittelst seiner Bewegungen ist es ausserdem 
wichtig, dass die Wahrnehmung der tastenden oder betasteten Hautstellen 
durch das Gesicht auf die Feinheit der Unterscheidung keinen merkbaren 
Einfluss übt, denn an jenen Hautslellen, welche gesehen werden können, 
sind die Empfindungskreise im allgemeinen nicht kleiner als an denjenigen, 
welche dem Auge verborgen sind1). 
Ihren Einfluss auf die Tastvorstellungen können die Bewegungen nur 
i) E. H. Weber, annotai, anat. Prol. X. p. 5.
        

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