Bauhaus-Universität Weimar

Eintheüung der Vorstellungen. 
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zwei höheren Sinnen nach verschiedener Richtung aus. Wir werden daher 
auch liier zu der Ansicht hingeführt., welche die genetische Betrachtung des 
Thierreichs bestätigt, dass sich jene höheren Sinne, die schon vermöge der 
einseitigen Entwicklung ihrer Vorstellungen den Namen von Special¬ 
sin n e n verdienen, aus dem allgemeinen Tastsinn entwickelt habenL). 
Die zeitliche und die räumliche Form der Anschauung sind in der Vor¬ 
stellung der Bewegung untrennbar vereinigt. Nun haben wir schon be¬ 
merkt, dass die Bewegungsempfindungen centralen Ursprungs sind, indem 
sie unmittelbar die motorische Innervation begleiten- . Demnach ist denn 
auch die erste Grundlage der Zeit- und Raumanschauungen in der un¬ 
mittelbaren Wirkung des Willens auf die Bewegungsorgane gegeben. Zu 
ihrer Ergänzung bedarf dieselbe jedoch einer Sinnesfläche, die peripherischen 
Reizen zugänglich ist, und als solche bietet sich zunächst das über die 
ganze Körperoberfläche ausgebreitete Tastorgan dar. 
Nicht nur Empfindungen eines und desselben Sinnes, sondern auch 
disparate, d. h. verschiedenen Sinnen zugehörige Empfindungen können zu 
Vorstellungen vereinigt werden. Solche nennen wir dann complexe 
Vorstellungen. Dabei zählen wir aber die Bewegungsempfindungen 
nicht als einen besonderen Sinn mit, sondern wir beschränken den Aus¬ 
druck auf jene Fälle, wo sich mehrere Vorstellungen von einander unab¬ 
hängiger Sinne verbinden. So gibt uns der Gesichtssinn die Vorstellung 
eines ausgedehnten Körpers, der Tastsinn die Vorstellung seines Wider¬ 
slandes oder seiner Schwere; so der Gesichtssinn die Vorstellung der 
schwingenden Saite, der Gehörssinn die Vorstellung des Klanges, der von 
ihr ausgeht, u. s. w. Man sieht sogleich, dass die Bestandtheile einer 
solchen complexen Vorstellung sehr viel loser mit einander vereinigt sind 
als die Theile einer einfachen Sinnesvorstellung. Die comnlexe Vorstellung 
kann sich darum auch leicht wieder in die einfacheren auflösen, aus denen 
sie zusammengesetzt ist. Ausserdem haben häufig ihre Bestandtheile einen 
sehr verschiedenen Werth, indem an eine herrschende Sinnesvorstellung 
einige Vorstellungen anderer Sinne in inconstanterer Weise sich anschliessen. 
So kann mit der durch den Gesichtssinn vermittelten Vorstellung eines 
Körpers bald die seiner Schwere, bald die seines Geschmacks oder Geruchs 
sich verbinden : diese begleitenden Vorstellungen können dann aber zeit¬ 
weise wieder verschwinden und der Gesichtsvorstellung allein Raum lassen. 
In dieser Weise gestalten sich namentlich unsere Gesichtsvorstellungen zu 
herrschenden Bestandtheilen solcher Verbindungen. Wir denken fast allein 
in Gesichtsbildern und fügen den letzteren andere sinnliche Eigenschaften 
l) Vergl. S. 341, 352. 
2j S. 316. 
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