Bauhaus-Universität Weimar

Kritik tier physiologischen und der empiristischen Theorie des Contrastes. 423 
viel weisses Licht beigemischt hat. Was ferner die farbigen Schatten betrifft, 
so sind dieselben dann ganz besonders deutlich, wenn man die gefärbte Be¬ 
schaffenheit der Beleuchtung gut erkennt, wenn man also z. B. nur ein be¬ 
schränktes Feld farbig beleuchtet: der graue Schatten innerhalb dieses Feldes 
erscheint dann ausserordentlich deutlich in der Complementärfarbe, obgleich 
man nicht den geringsten Grund hat die Farbe des Feldes mit der des Tages¬ 
lichtes, gegen welche sie sich deutlich abhebt, zu verwechseln. Auf die Farben- 
und llelligkeitscontraste an der röhrenden Scheibe des Farbenkreisels sind end¬ 
lich alle diese Erklärungen gar nicht anwendbar. Die Theorie der Urtheils- 
täuschungen begeht den Fehler, dass sie die Empfindung als etwas Absolutes 
ansieht, von der dann die Contrastphänomene auffallende Ausnahmen bilden. 
Es ist nun allerdings nicht zu bestreiten, dass die Reproduction früherer Ein¬ 
drücke oder die directe Vergleichung mit einem andern, unabhängigen Eindruck 
die Empfindung beeinflussen kann. Aber es modificirt dann diese Vergleichung 
umgekehrt die ursprüngliche Empfindung, welche sich in Qualität und Inten¬ 
sität überall nach dem Yerhällniss zu andern Empfindungen feststellt. Darum 
bilden auch jene Modificationen der Empfindung durch Reproduction und Ver¬ 
gleichung keine eigentliche Ausnahme von dem Gesetz der Beziehung, wie wir¬ 
es oben formulirt haben, sondern es tritt bei ihnen nur die Beziehung zu 
früheren oder zu unabhängig stattfindenden Eindrücken an die Stelle der für 
die ursprüngliche Empfindung näher liegenden Beziehung zu den unmittelbar mit 
einander einwirkenden Reizen. Die gezwungene Deutung, welche die Helm- 
HOLTz’sche Theorie den meisten Contrasterscheinungen gibt, ist wohl die Ursache 
gewesen, dass auch nach Aufstellung derselben eine Reihe son Beobachtern, 
wie Rechner*), Rollett* 2}, E. Mach3), ah der Hypothese einer physiologischen 
Wechselwirkung der Netzhautstellen festhielten, wenn sie auch für einzelne 
Fälle das Hereingreifen eines so genannten Urtlieilsprocesses zuzugeben geneigt 
waren. Aber der Nachweis , dass eine Netzhautstelle den Reizungszustand der 
andern direct beeinflusst, lässt sich nirgends führen, und so muss wohl der 
psychologische Ursprung der Contrasterscheinungen zugegeben werden. 
Auf die Beziehung der letzteren zu dem psychophysischen Gesetz habe 
ich bereits früher hingewiesen4) , ohne dieselbe aber als eine so unmittelbare 
zu erkennen, wie ich sie oben nach den Beobachtungen über llelligkeitscontraste 
darzustellen versuchte ; auch schloss ich mich damals im einzelnen noch der 
llELMiioLTz’schen Theorie der Contrasterscheinungen an, auf deren Unhaltbarkeit 
ich erst durch die oben auseinandergeselzten Thatsachen geführt wurde. 
Auch der psychologischen Bedeutung des psychophysischen Gesetzes im 
allgemeinen habe ich einen etwas andern Ausdruck zu geben gesucht, als 
früher. Rechner, der dieses Gesetz in die Psychologie einführte , hat die Frage 
nach seiner Bedeutung ganz unerörtert gelassen; er hebt nur hervor, dass es 
ohne Zweifel als ein zwischen dem Nervenprocess, der von ihm so genannten 
psychophysischen Thätigkeit, und der Empfindung gültiges, also im eigentlichen 
Sinne als ein psychophysisches Gesetz zu betrachten sei, und dass die scheinbaren 
*) Leipziger Berichte 1S60. S. 131. 
2) Wiener Silzungsber. Bd. 53. April 1867. Separatabdruok S. 21. 
3; Ebencl. Bd. 52, S. 317. Vierteljabrsschr. f. Psychiatrie II, 1868. S. 46. 
4) Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele I, S. 198.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.