Bauhaus-Universität Weimar

Ueber Naturzwecke. 
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tische Reihe verschiedener Entwicklungsstufen besteht, müssen alle 
wesentlichen Merkmale, die auf den höheren Stufen zu Tage treten, 
auch schon hei den niederen im Keime nachzuweisen sein1). Damit 
haben wir aber den Grundgedanken des individualistischen Volun¬ 
tarismus, dem zufolge die individuelle Willensthätigkeit das zuerst 
Vorhandene war, aus dem sich die reflexartigen und automatischen 
Reactionen des Organismus erst nachträglich entwickelt haben. Natür¬ 
lich dürfen wir uns die primitiven Formen der Willensthätigkeit nicht 
nach Analogie der bewussten Wahlhandlungen denken, sondern haben 
sie als Vorgänge aufzufassen, die in gewissem Sinne die Eigenschaften 
der Reflex- und der höheren Willensthätigkeiten in sich vereinigen, die 
durch eine im entgegengesetzten Sinne fortschreitende Entwicklung aus 
ihnen hervorgegangen sind; jene in der Weise, dass durch Uebung 
sich Einrichtungen herausbildeten, welche weiterhin den Vollzug der 
betreffenden Thätigkeiten bei Vorhandensein der entsprechenden Reize 
auch ohne Mitwirkung des Bewusstseins sicherten, diese in der Art, 
dass durch das Zusammentreffen und die Durchkreuzung verschiede¬ 
ner Motive die Verbindung zwischen diesen und den entsprechenden 
Handlungen immer lockerer und zugleich mit der fortschreitenden 
Ausbildung automatisch wirkender centraler Coordinationen immer 
mittelbarer wurde, während bei den primitiven Willenshandlungen, 
wie wir annehmen müssen, das Motiv die Handlung eindeutig be¬ 
stimmte und unmittelbar nach sich zog. 
Diese Hypothese bedarf indess nach mehreren Richtungen hin 
einer Ergänzung und Vertiefung, wenn sie die Schwierigkeiten be¬ 
seitigen soll, auf die es hier gerade ankommt. Der Widerstreit 
der von der voluntaristischen Hypothese angenommenen psychischen 
(teleologischen) und der vom naturwissenschaftlichen Standpunkte zu 
fordernden physischen (causalen) Determination bleibt auch bei den 
primitiven Willensthätigkeiten bestehen, ja er tritt hier eigentlich erst 
recht in seiner vollen Schärfe hervor. Für die höheren Organismen 
erklärt sich ja die Thatsache, dass ein Theil der motorischen Re¬ 
actionen ungeachtet seiner physiologischen Bestimmtheit doch zugleich 
als Ausfluss einer nach Zwecken handelnden Intelligenz aufgefasst 
werden kann, nach der voluntaristischen Hypothese daraus, dass der 
1) Ygl. Wundt, System, S. 540.
        

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