Bauhaus-Universität Weimar

Ueber Naturzwecke. 
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dann erst nach den vielfach der directen Wahrnehmung sich ent¬ 
ziehenden Organen suchen, durch deren Thätigkeit diese Functionen 
zu stände kommen, erscheinen uns die Organe naturgemäß als Werk¬ 
zeuge, die das Lebewesen zum Zweck dieser bestimmten, ihm wesent¬ 
lichen Leistungen hat. Wie fruchtbar diese rein subjective, auf jeden 
Causalzusammenhang anwendbare heuristische Einsicht ist, ist be¬ 
kannt Wieso wir aber durch unseren »Causalitätstrieb«, oder duich 
unser »logisches Denken« gezwungen sein sollen, aus dem gegebenen 
Thatbestande auf eine zu Grunde liegende, wenn auch in Bezug auf 
die Art ihres Zustandekommens unbegreifliche, reale Zweckbestimmung 
zu schließen (Wolff, Vitalismus S. 11, 22), vermag ich nicht recht 
einzusehen. Wolff findet es unwahrscheinlich, dass hei hundert der 
Reihe nach unter verschiedenen Bedingungen vollzogenen Wetten 
immer dieselbe Person gewinnt; das ist richtig, m. a. W. wir haben 
a priori keinen Grund, dies Resultat zu erwarten, aber es kann des¬ 
wegen doch eintreten, sein Eintritt enthält also keine Nöthigung, 
eine auf dies Resultat hinarbeitende Ursache vorauszusetzen. Ebenso 
ist es a priori zwar unwahrscheinlich, dass eine Vielheit neben einander 
hergehender und (wenigstens theilweise) von einander unabhängiger 
Vorgänge (die Functionen der einzelnen Organe) ein bestimmt 
charakterisirtes Gesammtresultat liefert (Erhaltung des Ganzen), aber 
es ist doch möglich, ohne dass eine Absicht im Spiele zu sein braucht. 
Noch bleibt indess ein Einwand zu bedenken. Wenn ohne 
Zähne oder ähnliche Vorrichtungen nicht gekaut werden kann, so 
folgt daraus nicht, dass sie des Rauens wegen entstanden sind, 
aber wie kommt es, dass die Zähne der besonderen Art der Nah¬ 
rung genau »angepasst« sind? Das Raubthier könnte zur Noth 
auch mit dem Gebiss eines Pflanzenfressers sich seine Beute ver¬ 
schaffen und sie zerkleinern, es hat aber nicht dieses, sondern das 
weit zweckmäßigere Raubthiergebiss ; ist das nicht ein genügender 
Beweis dafür, dass das Organ mit Rücksicht auf die besondere 
Anwendungsweise gebaut ist, oder sollen wir etwa annehmen, da.ss 
die Raubthiere Fleisch fressen, weil sie ein hierzu geeignetes Gebiss 
haben? Wie man sieht, kommen wir liier auf den schon oben er¬ 
örterten Begriff der objectiven »Zweckmäßigkeit« zurück. Das Raub¬ 
thiergebiss ist zweckmäßig, insofern es die Gewinnung und Zerkleine¬ 
rung der Nahrung erleichtert, es functionirt also im Sinne der 
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