Bauhaus-Universität Weimar

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Willy Hellpach. 
seit er zum ersten Male als Student einer Unterschenkelamputation 
beiwohnte, auf jedes in ähnlicher Art sägende Geräusch hin, vollends 
aber bei allen folgenden ähnlichen Operationen, ein ausgesprochenes 
gürtelförmiges Vertaubungsgefühl an seinem eigenen rechten Unter¬ 
schenkel verspürte. Ein einziges Mal ist diese Parästhesie ausge¬ 
blieben: als er im Examen selber an der Leiche eine Amputation 
ausführen musste und völlig durch die gespannte Sorge, einen Fehler 
in der Technik zu begehen, in Anspruch genommen war. Die hyste¬ 
rische Steigerung dieser Erscheinungen, von denen jeder Gesunde 
irgend eine gelegentlich an sich selbst erlebt, besteht lediglich darin, 
dass viel höhere Empfindungsintensitäten durch viel geringfügigere 
Ablenkungen der Aufmerksamkeit ausgelöscht werden. 
Man hat diese parästhetischen und hyperästhetischen Vorgänge 
vielfach als die hypochondrischen Beschwerden im Bilde der Hysterie 
bezeichnet und damit die Verschwommenheit zwischen Hysterie und 
Nervosität nicht wenig verschlimmert. Ueberhaupt ist die Wahl der 
Namen eine psychologisch oft recht wenig glückliche gewesen. Am 
besten fährt man sicherlich, wenn man auch hier von psychogenen 
Erscheinungen spricht und den Begriff des Psychogenen damit auf 
alle Thatsachen ausdehnt, die — seien es physische oder psychische 
■—■ durch Vorstellungen hervorgerufen werden, deren Gefühlswerth 
der Stärke des Ergebnisses nicht proportional zu sein braucht. Wir 
werden weiterhin noch zu erörtern haben, welchen Nutzen diese Um¬ 
grenzung gerade für das Verständniss der zum Bilde der Nervosität 
und der neurasthenischen Entartung gehörenden hypochondrischen 
Beschwerden bietet. 
Von den Hyperästhesien und Parästhesien ist nun die hysterische 
Anästhesie darum etwas so ganz Verschiedenes, weil sie beim nor¬ 
malen Menschen niemals vorkommt, soweit die Vorstellung einer 
Schädigung umschriebener Flächen dabei ursächlich wirkt. Starke 
Affecte, starke Concentration der Aufmerksamkeit können, wie wir 
sahen, den Gesunden zeitweilig anästhetisch im hysterischen Sinne 
— »er fühlt, aber er weiß es nicht« •— machen, niemals aber wird 
bei ihm eine Körperstelle, die er sich geschädigt denkt, empfindungs¬ 
los. Darin liegt schon ein Grund, die Entstehung hysterischer 
Anästhesie durch Affecte von der durch inhaltsverwandte Vorstellungen 
zu trennen: jene erstere Form stellt sich uns wieder als eine
        

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