Volltext: Psychologie und Nervenheilkunde (19)

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Willy Hellpach. 
heftigen Affecten, bei höchstgespannter activer Apperception — beim 
Nachgrübeln — sind wir für vielerlei Sinneseindrücke unzugänglich. 
Es kann sogar Vorkommen, dass wir sie abwehren, ohne uns ihrer 
nachher zu entsinnen. Ich selber kenne einen Fall, wo ein Sports¬ 
man, den die Beobachtung einer Steeple-Chase in athemloser Span¬ 
nung hielt, von einer Wespe in die Wange gestochen ward, heftig 
nach dem Insect schlug, wenige Minuten später aber, als das Rennen 
entschieden war und die Wunde stark zu schmerzen anfing, sich nicht 
erinnern konnte, gestochen worden zu sein. Dieser Vorgang erscheint 
mir außerordentlich geeignet, uns die hysterische Empfindungsstörung 
zu verdeutlichen, indem wir uns die einzelnen Phasen ganz nahe zu¬ 
sammengerückt denken. Auch der Hysterische empfindet mit seiner 
anästhetischen Hand, das beweisen die complicirten Verrichtungen, 
die er mit ihr leistet, und deren Innervationen nur nach den ein¬ 
strömenden Empfindungen abgestuft werden können. Aber der Ver¬ 
such, eine Empfindung zur Apperception zu bringen, lässt sie als 
erloschen erscheinen. Dieser Versuch kann vom Arzte ausgehen, 
dann besteht er in der Frage: empfinden Sie dies? Er kann aber 
auch von der Empfindung selber ausgehen, indem sie sich mit einer 
Schmerzempfindung paart. Jede Schmerzempfindung hat die Tendenz, 
in stärkerem Maße als alle anderen Empfindungen von uns apper- 
cipirt zu werden. Der schmerzhaft wirkende Reiz ist, wenn ein Bild 
gestattet sein soll, gewissermaßen ein Frager, der sich erkundigt: 
empfindest du das? Diese Vorstellung würde uns also zu dem Er¬ 
gehniss führen, dass die anästhetischen Hysteriker so lange empfinden, 
als für die Empfindung nicht die Apperception in Anspruch ge¬ 
nommen wird. 
Psychologisch liegt in dieser Rückwirkung der Apperception auf 
die Empfindung nichts Unbegreifliches. Es kommt, um das zu ver¬ 
stehen, durchaus auf die richtige Auffassung des Apperceptions- 
vorganges an. Stellen wir uns unter der Apperception weiter nichts 
vor, als das Anschwellen der Empfindungsstärke, so ist es allerdings 
undenkbar, der Apperception die Fähigkeit zuzutrauen, dass sie eine 
Empfindung zur Abschwächung oder gar zum Erlöschen bringen könne. 
Das Wesentliche beim Appercipiren liegt aber in der Deutlichkeit 
des Appercipirten, in seiner — wie Wundt es definirt — Abgrenzung 
gegen die anderen psychischen Inhalte. Deren Gesammtheit ist es
	        
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