Bauhaus-Universität Weimar

Psychologie und Nervenheilkunde. 
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liehen Erlebnisse aber bis ins kleinste Detail hinein mit einer staunens¬ 
werten Zähigkeit haften bleiben. Wenn Freiherr v. Schrenck- 
Notzing von dieser Erfahrung ausgehen durfte, als er die Lehre 
v Krafft-Ebing’s übers Angeborensein der homosexuellen Neigung 
widerlegte, so kann ich nicht einsehen, weshalb bei der Hysterie 
nicht ähnliche Einflüsse möglich sein sollten, v. Schrenck-Notzing’s 
Auffassung der Homosexualität ist heute fast allgemein anerkannt, 
und Kraepelin zählt zu ihren entschiedensten Vertretern. Er nimmt 
freilich auch hier die Grundlage der Entartung an, und seine Be¬ 
kämpfung Breuer-Freud’s bezieht sich ebenso fast ausschließlich 
auf diesen Punkt: die Unmöglichkeit, dass eine gesunde Psyche durch 
jene Factoren dauernd irregeleitet und geschädigt werde. Diese Un¬ 
möglichkeit scheint mir doch aber noch gar nicht so unbedingt er¬ 
wiesen zu sein. Wir sehen gesunde und nicht im mindesten ent¬ 
artete Menschen durch starke Gemüthserschütterungen in die schwerste 
Nervosität verfallen, und es hängt ganz von der folgenden Lebens¬ 
gestaltung ab, ob die Erkrankung heilt oder chronisch wird. Gerade 
die drei Typen der acuten Nervosität, die Examens-, Manöver- und 
Premiörennervosität bei Studirenden, Offizieren und Künstlern sehen 
wir nicht selten dauernde Schädigungen der Widerstandsfähigkeit 
hinterlassen. Für die ungünstige Einwirkung der frühesten geschlecht¬ 
lichen Erlebnisse lässt sich aber kaum ein fruchtbarerer Nährboden 
denken, als die unmittelbar sich anschließende Pubertät und die bei 
uns übliche Geheimnissthuerei in sexuellen Fragen. Ohne also die 
klinische Auffassung der Hysterie seitens der beiden Wiener Forscher 
vertheidigen zu wollen, möchte ich psychologisch diese Lehre für 
mindestens ebenso denkmöglich halten, wie die Unbewusstheits- und 
Spaltungsphantasien der französischen Neurologen. Gerade die von 
Breuer und Freud empfohlene Behandlung, so undurchführbar sie 
mir klinisch erscheint, knüpft an die allbekannte, auch von Wundt 
anlässlich der Erinnerungsvorgänge geschilderte Thatsache an, dass 
unliebsame und in ihrem Fortwirken ganz unberechenbare Stimmungen 
schwinden, sowie es gelingt, die sie tragende Vorstellungsgruppe zu 
appercipiren. Ich stehe nicht an, es als einen großen Fortschritt zu 
betrachten, dass Breuer und Freud nicht mit unbewussten Einflüssen 
im groben Sinne der französischen Interpreten, sondern mit inhalts¬ 
dunklen Gefühlswirkungen arbeiten, die Kraepelin wenige Zeilen 
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