Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die sprachwissenschaftliche Definition der Begriffe “Satz“ und “Syntax“
Person:
Dittrich, Ottmar
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4569/28/
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Ottmar Dittrich. 
dies aber sein? Phonetische genügen nicht, semantische auch nicht, 
denn beide sind an und für sich außersprachlich und werden zu 
sprachlichen nur durch Abstraction von den semantophonetischen 
Kategorien. Aber welche von diesen letzteren? Es stehen zur Ver¬ 
fügung: Rede, Satz, Modulation, Wort, Radical, Corradical (vgl. S. 109, 
Z. 25 ff.). Davon fallen Radical und Corradical von vornherein außer 
Betracht; die Anwendung der Kategorie »Wort« führt uns zum 
Widerspruch mit der Thatsache, dass der Satz das Primäre in der 
Sprache sei, also mit einer Thatsache, die auch sprachpsychologisch 
(vgl. Wundt, Völkerpsych. I, S. 560 f.) so gut gestützt ist, dass sie 
wohl als unumstößlich gelten darf. Bleiben somit nur noch Satz, 
Modulation und Rede. Dass die Kategorie »Satz« hier anwendbar 
sei, ist strittig, werde also ans Ende dieser Argumentation geschoben. 
Wir müssten demnach mit den Kategorien »Rede« und »Modulation« 
auskommen, denn ohne eine Coincidenz je eines Vertreters dieser 
beiden Kategorien ist überhaupt keine concrete sprachliche Erschei¬ 
nung mehr denkbar. Was stellen wir uns nun aber unter einer Rede 
vor, die nicht zugleich geeignet wäre, bei einem Hörenden die Bil¬ 
dung eines Complexes von Sätzen oder eines einzelnen Satzes anzu¬ 
regen? Ich gestehe offen, dass ich mir darunter nichts Rechtes vor¬ 
stellen kann : ich halte die Möglichkeit, von einem Hörenden verstanden 
zu werden, für ein integrirendes Merkmal des Begriffes »Rede«, und 
kann mir ein Verstehen wiederum nicht anders denken, als indem 
dabei mindestens zwei Inhalte auf einander bezogen werden. Wenn 
nun diese zwei Inhalte nicht die Lautungswahmehmung einerseits 
und ein Gefühl anderseits sein können — denn damit kämen wir 
wieder auf das Wort als das Prius vor dem Satz —, so bleibt nichts 
als der S. 106 geschilderte, wenigstens für mich introspectiv außer 
Zweifel stehende Sachverhalt, wonach der Sprechende an sich keinen 
Satz liefert, der Hörende aber mittels der vom Sprechenden geliefer¬ 
ten Lautung einen Satz bildet. Freilich sind es nicht zwei Vor¬ 
stellungen, die in solchem Falle aus dem durch die Lautung asso¬ 
ciate veranlassten Thatbestand successive apperceptiv herausgehoben 
und in einer Endapperception auf einander bezogen werden, sondern 
ein Gefühl und eine Vorstellung, und die Beziehung selbst ist keine 
prädicative, sondern eine attributive, die nothdürftig in der sonst 
für den Ausdruck attributiver Beziehungen in der Sprache üblichen
        

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