Bauhaus-Universität Weimar

Die Hauptformen des Rationalismus. 
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werden die reichsten Keime neuer Entwicklungen zurückgebracht. 
Sollte sich darin nicht eine wesentliche Bedeutung des Rationalis¬ 
mus aussprechen? Sollte es nicht genügen, dass man den un¬ 
durchführbaren metaphysischen Anspruch aufgibt, um den wahren 
methodologischen Kern rein zu erhalten? So etwa könnte eine 
mehr ad hominem denn ad rem gerichtete Begründung der letzten 
Form des Rationalismus operiren, der ich mich nun noch zuzuwen¬ 
den habe. 
Im Gegensatz zu allem metaphysischen Rationalismus ist diese neue 
Form nur methodologisch. Sie teilt natürlich mit dem idealistisch meta¬ 
physischen Rationalismus die Gegnerschaft gegen die Abspiegelungs¬ 
theorie, gibt aber zugleich auch den Anspruch auf, in der Selbst¬ 
bewegung des Denkens die wahre Wirklichkeit unmittelbar zu besitzen. 
Durch diese allgemeinen Bestimmungen ist der methodologische 
Rationalismus mehr negativ begrenzt, seine positive Kennzeichnung 
ist eine Aufgabe anderer Art, als die Charakteristik der vorher ge¬ 
schilderten Formen. Denn er liegt nicht, wie diese, schon in Gestalt 
eines großen, durchgebildeten Systems vor, sondern tritt meist als 
bloße Voraussetzung auf, die kaum deutlich zum Bewusstsein erhoben 
wird. Es erscheint seltsam, dass man in der Gegenwart wieder einer 
halb unbewussten Form des Rationalismus größere Beachtung schenken 
muss — aber die Verwunderung darüber vermindert sich, wenn man 
wahrnimmt, dass nicht nur der Rationalismus als Ganzes erst »an sich« 
ist, ehe er »für sich« wird, sondern dass jede seiner Hauptformen 
wenigstens theilweise einen ähnlichen Entwicklungsgang von neuem 
durchlebt, wenn auch die anfängliche Unbewusstheit keine totale mehr 
ist. Da sich der methodologische Rationalismus meist erst im Stadium 
der Latenz oder doch nur der allmählichen Emporarbeitung zum 
Bewusstsein befindet, wird es vortheilhaft sein, hier von der Be¬ 
rücksichtigung einzelner Philosophen und Werke ganz abzusehen. Man 
kann stets schwer bestimmen, wie weit die betreffenden Autoren die 
Consequenz, die sich in Richtung dieser Ansicht aus einzelnen ihrer 
Ausführungen ziehen lässt, wirklich anerkennen würden1). 
1) Auch von der Erörterung der sehr schwierigen Frage, inwieweit Kant 
methodologischer Rationalist, inwieweit er Utraquist war, soll hier abgesehen 
werden. Ansätze zu beiden Richtungen finden sich unzweifelhaft bei ihm.
        

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