Bauhaus-Universität Weimar

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Paul Barth. 
wie der, aus dem die Zahlwörter entstehen. Hier sind es auch nicht 
die concreten Elemente, die die Association bewirken. Bei den Natur¬ 
völkern sind es ja bekanntlich collectiv auftretende Gegenstände, die 
zu Vertretern des Zahlbegriffs werden. »Zehen des Straußes« be¬ 
deutet 4, »Finger der Hand« oder »Hand« 5, »Finger zweier Hände« 
oder »zwei Hände« 10, der »ganze Mensch« (womit die Finger und 
die Zehen zusammengenommen gemeint sind) 201). Und noch in den 
classischen Sprachen deutet die Etymologie auf eine ebenso concrete 
Urbedeutung der Zahlwörter. Das griechische Ssxa ist verwandt mit 
SarroXoc, 8etxvo(u, decem ebenfalls mit digitus, das deutsche »zehn« mit 
»zeihen« und »zeigen«. Welche Aehnlichkeit oder Gleichheit ist es nun, 
die den Wilden veranlasst, bei dem Anblick von 10 Büffeln an die 
10 Finger seiner Hand zu denken und zu sagen: »2 Hände Büffel«. 
Man könnte geneigt sein eine besondere, neue Art von Association 
anzunehmen, etwa eine »ahstrahirende Association«, kraft deren eine 
abstracte Beziehung, in diesem Falle die Zahl der Wiederholungen, 
als gleich erkannt sei und die Verbindung hergestellt habe. So sehr 
dies im allgemeinen hei einem hoch entwickelten Intellecte möglich 
ist, bei dem eine Solche ahstrahirende Association sicherlich wirkt, 
so wenig darf man für das primitive Denken und für das in der 
Sprachbildung wirksame Denken, die beide nicht nach logischen 
Motiven arbeiten, eine solche logische Association annehmen. Viel¬ 
mehr scheint es mir nothwendig, einen andern Weg zum Verständ¬ 
nis beider Fälle zu bahnen, des einen, in dem scheinbar der ab¬ 
stracte Zahlbegriff, des andern, in dem das logische Verhältniss des 
Nachsatzes zum Vordersätze associirend wirkt. 
Was den Wilden veranlasst, etwa die Straußzehen mit 4 Büffeln 
in Verbindung zu bringen, ist wohl weniger ein Vorstellungselement, 
als vielmehr eine Aehnlichkeit des begleitenden Gefühles, die Wundt 
»Analogie der Empfindung« genannt hat. Jede Wiederholung, wie 
der Anblick von 4 Büffeln, erzeugt ein unwillkürliches Aufmerken 
auf die Thatsache der Wiederholung, die gegenüber dem sonst all¬ 
gemeinen Wechsel der Erscheinungen eine Ueberraschung ist. Dies 
Aufmerken aber ist eine Anstrengung, mit dem Gefühle der Thätig- 
1) Vgl. Wundt, Völkerpsychologie I, 2, S. 25 ff. Auch B. B. Tylor, Ein¬ 
leitung in das Studium der Anthropologie und Civilisation, deutsche Uebersetzg., 
Braunschweig 1883, S. 372 f.
        

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