Volltext: Die geschichtliche Entwickelung des Bewegungsbegriffes und ihr voraussichtliches Endergebniss, Schluss (3)

680 
Ludwig Lange. 
gesetzes zu verschmelzen.1) Daran haben sich dann endlich viertens 
und fünftens die Erklärungen der Ausdrücke »Inertialruhe« und 
»Inertialdrehung« anzuschließen, eine Ergänzung, durch welche 
jede missbräuchliche Anwendung des allgemeinen Bewegungsbegriffes 
unmöglich gemacht wird. (Vgl. o. S. 667.) 
Das Copernicanische Weltsystem in der Fassung, worin die 
Bewegung des Himmels um die Erde als Schein bezeichnet wird 
Avar den von uns entwickelten Principien zufolge als irrthümlich zu 
bezeichnen. Sein ganzer Wahrheitsgehalt lässt sich nunmehr auf die 
allerdings unanfechtbare Behauptung reduciren, dass die Erde nicht 
inertiell-ruhig, sondern auf gewisse Weise in Inertialdrehung begriffen 
ist, während das Firmament, von den verhältnissmäßig geringen Fix¬ 
sterneigenbewegungen abgesehen, als inertiell-ruhig zu gelten hat. 
Präciser noch werden Avir so sagen können: Der Schwerpunkt der 
von der Sonne regierten Weltkörpergruppe darf mit hinreichender Ge¬ 
nauigkeit als inertiell-ruhig gelten; nennen wir nun dasjenige un¬ 
zweideutige Inertialsystem, worin er ruht, das »heliocentrische Iner¬ 
tialsystem «,2) so ist relativ zu letzterem die Erde in einer zwiefachen 
Bewegung, nämlich einer jährlichen Revolution um jenen Schwerpunkt 
und einer täglichen Rotation um eine in ihr gelegene Achse von nahezu 
(d. h. Präcession und Nutation abgerechnet) constanter Inertialrich- 
tung begriffen, währenddessen die nach den Fixsternen gezogenen 
Strahlen ihre Richtung im heliocentrischen Inertialsysteme nur äußerst 
langsam verändern. In dem Copernicanischen Weltsysteme mehr 
erblicken zu Avollen, als hier auseinander gesetzt worden ist, heißt: die 
Grenzen menschlicher Erkenntniss überschreiten.3) In Avie unange- 
-- 0 
1) Es versteht sich von seihst, dass man hierbei in einer systematisch aus¬ 
geführten Entwickelung der mechanischen Principien von der ursprünglichen 
geocentrischen Fassung des Beharrungsgesetzes ausgehen würde, um von da aus 
durch die verschiedenen möglichen Zwischenstufen zu der vorgeschlagenen Fassung 
fortzuschreiten. Vgl. »Philosoph. Studien«, Bd. II. S. 267 f. 
2) Das heliocentrische Inertialsystem ist ein besonders schönes Beispiel des 
allgemeineren »harycentrischen Inertialsystemes«, welches sich hei Betrachtung 
materieller Systeme vor anderen Inertialsystemen durchgängig durch besondereVer- 
einfachung der Rechnungen auszeichnet. 
3) Ich erinnere hier an die auf denselben Gegenstand bezüglichen Worte 
Herbarts (Allg. Metaphysik § 296): »Jeder Mathematiker hat ein Recht, seine 
Gleichung zu ordnen, um sie aufzulösen. Die Anordnung ist aber nicht die Wahr¬ 
heit der Gleichung ; dieser kann sie Nichts gehen noch nehmen«. Von dieser und
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.