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Ludwig Lange.
Ziehung auf unser Gesicht, auf unser körperliches Auge. Dass er
dies übrigens gefühlt hat, ersieht man aus Folgendem. Die Carte-
sianer, meint er, könnten sich auf die Behauptung zurückziehen, die
Bewegung der inneren Theile eines bewegten starren Körpers bezöge
sich auf Materie außerhalb desselben.Als wenn sich ein Ding nicht
da bewege, wo es ist, sondern da, wo es nicht ist! Nun, der Carte-
sianischenLehregegenüber liegt hierin unstreitig etwas Wahres.
Wir aber sind überzeugt, dass Henry More mit seiner Anschauung
über das Wesen der Ortsbewegung um eben so viel über das Ziel als
Descartes darunter getroffen hat.
Es lässt sich aus Henry Mores Erörterungen nicht mit Sicher¬
heit erschließen, wie nahe er dem Gedanken gekommen ist, seinen
realen und immateriellen Kaum als einen und nur einen aufzufassen.
Im Princip mag er immerhin eine Einheit des Baumes angenommen
haben; jedenfalls aber ist Thatsache, dass in den verschiedenen Bei¬
spielen von Bewegungen, welche er anführt, nicht überall derselbe
Raum, sondern verschiedene im allgemeinen gegeneinander be¬
wegte Bäume zur Bezugnahme dienen. In seinen Experimenten
gegen den Cartesianischen Bewegungsbegriff derjenige Baum,
welcher mit dem Stativ seiner sinnreichen Apparate verbunden ist,
oder, da er sich diese vermuthlich auf einem Tische in seinem Studir-
zimmer aufgestellt denkt, der geocentrische Baum. Ein Experiment
macht bemerkenswerther Weise von der Dauer des Lichteindruckes
auf unserer Netzhaut Anwendung, und setzt also aufs offenkundigste
den subjectiven Gesichtsraum des Experimentators voraus. Als Coper-
nicaner endlich hat More den mit Sonne und Fixsternen verbun¬
denen heliocentrischen Raum vor Augen. Diese Beispiele sind für uns
von Interesse. Hätte More bereits, wie später Newton, consequent
auf der Einheit des Baumes bestanden, so wäre sein Kampf gegen das
Reciprocitätsaxiom wenigstens logisch folgerichtig gewesen : in dem
einen Baume wäre jeder Körper schlechterdings entweder bewegt
oder ruhig.
Mores Anschauungen vom Raume und der Bewegung und da¬
mit die künftigen Entwickelungsstadien des Bewegungsbegriffes sind
zweifellos durch eine große physikalische Entdeckung der Zeit mäch
1) Opera. Tom. I. p. 162 sqq.