Volltext: Die geschichtliche Entwickelung des Bewegungsbegriffes und ihr voraussichtliches Endergebniss (3)

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Ludwig Lange. 
mehr Realität zu, als gemeiniglich die Philosophen der Gestalt, welche 
sie nicht eine reelle Qualität, sondern nur einen Modus nennen. J)er 
Hauptgrund, welcher mich bestimmt, diese reellen Qualitäten zu ver¬ 
werfen, ist der, dass ich nicht sehe, dass der menschliche Geist einen 
Begriff oder eine besondere Idee in sich hätte, sie zu begreifen; derart 
dass man, indem man sie so nennt und versichert, dass es sie gebe 
eine Sache versichert, welche man selbst nicht begreift ; und folglich 
sich selbst nicht versteht. Der zweite Grund ist der, dass die Philo¬ 
sophen diese reellen Qualitäten nur vorausgesetzt haben, weil sie ge¬ 
glaubt haben, anders die Naturerscheinungen nicht erklären zu können 
und ich im Gegentheil finde, dass man sie viel besser ohne jene er¬ 
klären kann«. 
Der Haupteinfluss Descartes’ auf die Entwickelung des Bewe- 
gungsbegriffes ist in der Anregung zu erblicken, welche er zahlreichen 
anderen Philosophen gegeben hat. Man hatte sich durch die Erörte¬ 
rungen der weitverbreiteten »Principien« von den großen Schwierig¬ 
keiten des Problems und gleichzeitig auch von der dringenden Noth- 
wendigkeit überzeugt, dasselbe wenigstens bis zu einem gewissen 
Abschlüsse zu bringen. Vorher glaubte Jedermann unmittelbar an¬ 
schaulich eine scharfe und widerspruchslose Vorstellung von der 
Bewegung zu besitzen; ein Vorurtheil, dessen letzter Grund unstreitig 
in einer Nachwirkung des trivialen Bewegungsbegriffes zu suchen ist. 
Nun wurde durch Des car tes die Ueberzeugung allgemein, dass an 
einem wissenschaftlich brauchbaren Bewegungsbegriffe noch Vieles 
fehle. So kann es uns denn nicht wundem, wenn von dem Erschei¬ 
nungsjahre der »Principien« an (1644) wissenschaftliche Versuche über 
die Bewegung und insbesondere über den Unterschied zwischen schein¬ 
barer und wirklicher Bewegung häufiger werden, als je zuvor. 
Unter Denjenigen, welche zunächst mit diesem Gegenstände sich 
beschäftigt haben, ist als ein entschiedener Gegner der Cartesiani- 
schen Lehre vor Allen Henry More zu nennen. Nicht nur in den 
Briefen, welche er mit dem Verfasser der »Principien« in dessen letz¬ 
tem Lebensjahre (1649) gewechselt hat, sondern auch in einem seiner 
größeren Werke, dem (1671 geschriebenen) »Enchiridion metaphysi" 
cum«, gibt er seine Ansichten über die Bewegung zu erkennen. Er 
kämpft vorzüglich gegen zweierlei ; erstlich gegen das Reciprocitäts- 
axiom, welches doch von Descartes selber nicht ohne Einschränkung
	        
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