Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die geschichtliche Entwickelung des Bewegungsbegriffes und ihr voraussichtliches Endergebniss
Person:
Lange, Ludwig
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4547/3/
Die geschichtliche Entwickelung des Bewegungsbegriffes. 
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liehen Leben eine nicht minder bedeutende Rolle spielen, als in der 
Wissenschaft. Nur zu leicht geschieht es hier, nachdem Lehen und 
Wissenschaft schon längst in der Bedeutung des Wortes auseinander 
gegangen sind, dass dennoch trivial-praktische Vorstellungen, ohne 
als solche erkannt zu werden, auf theoretisches Gebiet übertragen 
werden durch Vermittelung des gemeinsamen Lautbildes. So ent¬ 
stehen aus dem Widerspruch des Sprachgebrauches allerhand Paradoxa, 
welche um so größeres Interesse verdienen, als sie von jeher die Thä- 
tigkeit des »esprit métaphysique« besonders dringend herausgefordert 
haben. Man glaubteeinen gegenseitigen Widerstreit objectiver Wahr- 
nehmungsthatsachen schlichten zu sollen, und in Wirklichkeit lagen 
bloß zwei unpassender Weise durch das nämliche Symbol verbundene 
subj ective Vorstellungen im Streite, deren thatsächliche Unvereinbarkeit 
man nur durch Umänderung der Bezeichnungsweise zum Ausdrucke zu 
bringen brauchte, um den »inneren Widersprüchen« für immer ein Ende 
zu machen. Immerhin mag anerkannt werden, dass solche metaphysische 
Constructionen vorübergehend der Wissenschaft ganz dienlich, ja un¬ 
entbehrlich gewesen sind. Sobald sich aber herausstellt, dass durch 
Einführung einer neuenNomenclatur die vermeintlichobjectivenWider- 
sprüche spurlos beseitigt werden können, so wird der Umweg durch das 
dunklere Gebiet der Metaphysik dem directen Wege hintanzustellen 
sein : hierüber dürften Freund und Feind der Metaphysik doch wohl 
nur eine Meinung haben. 
Noch heutigen Tags ist der wissenschaftliche Begriff der Bewe¬ 
gung nicht am Ziel seiner Entwickelung angelangt. Wenn wir es nun 
versuchen, ihn diesem Ziel etwas rascher zuzuführen, als die bloße 
gegenseitige Reaction zwischen der Definition und ihren Anwen¬ 
dungen es im Stande ist, so haben wir im voraus diejenige Seite näher 
zu bezeichnen, nach welcher hin wir eine Entwickelung noch für noth- 
wendig halten. Nicht alle Seiten des Bewegungsbegriffes sollen hier 
in Betracht gezogen werden. Es kommt uns vielmehr nur darauf an : 
auf Grund des bisherigen Entwickelungsganges festzustellen, was aus 
den wissenschaftlichen Specialbegriffen der »wirklichen« Bewegung im 
Gegensätze zur »scheinbaren«, der »absoluten« Bewegung im Gegen¬ 
sätze zur »relativen« einmal werden wird, und die nothwendige Ent- 
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