Volltext: Die geschichtliche Entwickelung des Bewegungsbegriffes und ihr voraussichtliches Endergebniss (3)

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Ludwig Lange. 
Nun kommen aber zwei gleich große Körper noch einmal so schnell 
an einander vorbei, wenn sie sich beide mit gleicher Geschwindigkeit 
an einander vorbei bewegen, als wenn der eine von ihnen ruht und 
der andere mit derselben Geschwindigkeit sich an ihm vorbei bewegt. 
Hieraus glaubt Zeno schließen zu dürfen, dass zur Durchmessung des 
gleichen Raumes — dessen, den jeder von den beiden Körpern ein¬ 
nimmt — bei gleicher Geschwindigkeit das eine Mal nur halb so viel 
Zeit nöthig sei als das andere Mal, dass mithin die Thatsachen mit den 
Gesetzen der Bewegung im Widerspruch stehen«.1) 
Wieso diesem Irrthume Zenos in der That nichts weiter zu 
Grunde liegt, als eine mangelhafte Anschauung von der Relativität 
der Bewegung, bedarf keiner großen Auseinandersetzung. Das An- 
einandervorbeikommen der beiden Körper setzt eine andere Rela¬ 
tion voraus als die Geschwindigkeitsbestimmung, welche Z eno vor 
Augen hat. Dass Bewegung und Geschwindigkeit eines Körpers nur 
soweit in der bekannten gesetzmäßigen Beziehung zu einander stehen, 
als ihnen beiden dieselbe Relation zu Grunde liegt, kann nur der 
übersehen, welcher die Relation vornimmt, ohne sie als solche zu 
erkennen. So wunderlich uns der hier vorliegende Trugschluss er¬ 
scheint, so werden wir doch in der neueren Zeit ganz ähnliche wieder¬ 
finden. 
Nicht weniger als Zenos Argumentation interessirt uns hier eine 
Stelle bei Sextus Empiricus, worin derselbe zwar nicht die Wirk¬ 
lichkeit der Bewegung, wohl aber die Möglichkeit einer widerspruchs¬ 
freien Bewegungsdefinition bestreitet. Er wendet sich hier u. a. gegen 
die Definition der Bewegung als einer Veränderung des Ortes mit dem 
folgenden Paradoxon :2) 
»Wenn auf einem mit günstigem Winde segelnden Schilfe Jemand 
vom vorderen nach dem hinteren Ende zu einen Balken in aufrechter 
Stellung hinträgt und sich dabei eben so schnell wie das Schilf bewegt, 
dergestalt dass, während dieses eine Elle Weges nach vorne zuruck- 
legt, der auf ihm sich Bewegende in gleicher Zeit um eine Elle Weges 
1) Zeller, Die Philosophie der Griechen in ihrer gesehiehtlichen Entwiche 
lung Bd. I2, S. 432 ff. f , 
2) S. Empiricus, ex recens. J. Bekkeri, 1842. p. 487 (IIqoç 
B. 56, 57).
	        
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