Volltext: Der Entwickelungsgang der Leibniz‘schen Monadenlehre bis 1695 (3)

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David Selver. 
zweitens in der Beantwortung der Frage nach dem gruppirenden und 
verbindenden Princip der letzten, discret vorzustellenden Theilchen 
des Weltinhalts, sowie dem differenzirenden Momente der qualitativen 
Erscheinungen. 
Über die erstgenannte Schwierigkeit ging die Gassendi’sche 
wie überhaupt alle ältere Atomistik ohne besondere Bedenken hinweg' 
Auch Leibniz hat dieselbe in der Confessio naturae vollkommen un¬ 
berührt gelassen. Erst später, als er den gekennzeichneten, der An¬ 
nahme physischer Atome zu Grunde liegenden Widerspruch durch 
seinen Monadenbegriff gelöst zu haben glaubte, hat er auf jene Schwie¬ 
rigkeit hingewiesen,*) wenn er auch allerdings schon in der Hypo¬ 
thesis physica (1670) den Begriff des Unendlichkleinen in einer für 
seine Lösung dieser Frage entscheidenden Weise näher bestimmt 
hatte. Bezüglich der Lösung der zweiten Schwierigkeit, nämlich der 
Frage nach dem synthetischen und qualitativen Moment des Natur¬ 
verhaltens, begnügte sich jene Atomistik mit Gründen, welche aus 
der als ursprünglich verschieden gedachten Configuration der Atome 
und ihrer Bewegung entnommen waren. Als Grund für die Bewegung 
selbst galt die Verschiedenheit der (absoluten) Schwere der einzelnen 
Atome. 
Die Unzulänglichkeit dieses Gruppirungs- und Variationsprin- 
cipes war Leibniz, wie wir in der Confessio naturae sahen, keineswegs 
entgangen. Aber die Constatirung derselben galt ihm als »occasio 
praeclara demonstrandae divinae existentiae«, 2) und nicht ohne Ge- 
nugthuung hat er an die Spitze jener Abhandlung den Ausspruch Ba¬ 
con s gestellt, dem zufolge »nur em oberflächliches Schöpfen in der 
Philosophie von Gott abführe, das tiefere aber zu Gott zurückführe.« ®) 
In der Schwäche der atomistischen Synthese hatte die Stärke der Leib- 
1) Système nouveau 11 u. 3 : Les atomes de matière sont contraires à la rai¬ 
son etc. Deutlicher ausgesprochen in Répliqué aux réflexions de Bayle : Il n’ y a 
point d atomes de matière dans la nature, la moindre parcelle de la matière ayant 
encore des parties. Erdm. 186b. 
2) Erdm. p. 47a; Gerh. Phil. Sehr. Bd. IV, S. 109. 
3) Erdm. p. 45. Divini ingenii vir Franciscus Baconus . . . recte dixit philoso- 
phiam obiter libatam a Deo abducere, penitus haustam reducere ad eundem (vergl. 
auch Erdm. S. 105). Das fragliche Dictum findet sieh bei Bacon de augm. sc. I, 5. 
»Levee gustu^in philosophia movere fortasse ad atheismum, sed pleniores haustus ad 
religionem redueere.«
	        
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