Bauhaus-Universität Weimar

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Theodor Heller. 
entbehrt, den Ort, an dem sich ein Gegenstand befindet, zu aller¬ 
erst geradezu entdecken. Da den Orientirungsbewegungen in einem 
unbekannten Raume im vorhinein kein bestimmter Plan zu Grunde 
gelegt werden kann, die Vorstellung der wechselseitigen Lage der 
Objecte sich aber reducirt auf die Vorstellung des kürzesten Weges, 
der von einem Object zum andern führt, so wird der Blinde in den 
weitaus meisten Fällen genöthigt sein, diese einfachen Beziehungen 
aus einer Summe ungleich verwickelterer Bewegungsverhältnisse 
abzuleiten. Die Auffindung aller Objecte in einem größeren Raume 
ist aber bei der ersten Orientirungsbewegung kaum möglich. Jede 
folgende Entdeckungsreise bringt dem Blinden Kunde von neuen 
Gegenständen, und so stellt sich die Nothwendigkeit heraus, die 
späterhin bestimmten Lageverhältnisse einzuordnen in den ersten 
Orientirungsplan, woraus der Verstandes- und Phantasiethätigkeit 
des Blinden eine neue complicirte Aufgabe erwächst. Ueberdies 
kommt hierbei noch in Betracht, dass den Orientirungsbewegungen 
des Blinden nicht selten unüberwindliche Hindernisse entgegen¬ 
stehen, dass ferner die Befürchtung eines Zusammenstosses mit den 
Gegenständen die Aufmerksamkeit bloß auf jenen Complex von 
Empfindungen lenkt, der dem Blinden jeweils das Herannahen 
eines Hindernisses ankündigt, während Dauer und Richtung der 
Bewegung, auf Grund deren der Blinde die Vorstellung der Ent¬ 
fernungsverhältnisse entwickelt, kaum eine hinreichende Beachtung 
erfahren. Wenn also überhaupt die Vorstellung der Lage der 
Objecte im Raume zu Stande kommt, dann ist hierzu ein großer 
Aufwand von Zeit und intellectueller Kraft erforderlich, wobei es 
noch sehr fraglich erscheint, ob selbst unter den günstigsten Ver¬ 
hältnissen derselben eine vollständige Lückenlosigkeit zugesprochen 
werden kann. 
Die gedächtnissmäßige Festhaltung der Lagevorstellung jener 
Objecte, die sich auf einen weiten Raum vertheilen, bereitet dem 
Blinden derartige Schwierigkeiten, dass er sich häufig bei der Ab¬ 
messung der Entfernungen bloß auf die Feststellung der Schrittzahl 
beschränkt, die zur Zurücklegung der einzelnen Theilstrecken erfor¬ 
derlich ist. Aber nicht unter allen Umständen kommt bei der 
Orientirung das Gleichmaß der Schrittbewegung in Anwendung. 
Befinden sich die Objecte im Tastraum, dann reichen hierfür die
        

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