Volltext: Studien zur Blinden-Psychologie, Fortsetzung (11)

Studie» zur Blinden-Psychologie. 
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Schon Diderot hatte in seiner lettre sur les aveugles die Be¬ 
hauptung aufgestellt, dass der Blinde seine Raumvorstellung erweitern 
könne, indem er den unmittelbar afficirten Theil seiner Haut, z. B. 
die Fingerspitze, in der Phantasie ausdehne. Innerhalb der Grenzen 
der Wahrnehmungsmöglichkeit kann dies ohne Zweifel erfolgen, 
der Blinde braucht hier nur Reproductionen früherer Tasteindrücke 
zu Hülfe zu nehmen. Wenn man aber behauptet, dass die Ge¬ 
fühlsfläche, welche unser Arm darbietet, durch die Phantasie ver¬ 
größert werden könne, um derart einen ganzen haptischen analog dem 
optischen Raum auszubilden1), so schreibt man damit der Phantasie 
eine Leistung zu. von der nicht zu begreifen ist, auf welche Art 
dieselbe zu Stande kommen soll. Das optische Bild des Armes 
kann allerdings allseitig ausgedehnt werden, aber auch hier geben 
die Bedingungen des Sehens die Grenze an, innerhalb deren diese 
Erweiterung möglich ist. Wir können in der Vorstellung Bäume 
bis an den Himmel wachsen lassen, aber niemals darüber hinaus. 
Für den Blinden ist es schlechterdings unmöglich, zu einer Total¬ 
vorstellung des Raumes ähnlich der des Sehenden zu gelangen. Die 
Unterscheidung der Raumvorstellungen des Blinden in »wirkliche« 
und in »Phantasievorstellungen« erscheint uns demnach keineswegs 
berechtigt. Nach Stumpf’s Ansicht bedeutet für den Blindgeborenen 
»mein Körper als Raumvorstellung nichts anderes als die Summe 
seiner wirklichen Raumvorstellungen. Dagegen alles Räumliche, was 
nur in der Phantasie vorgestellt werden kann (vorausgesetzt, dass 
es nicht innerhalb der durch den Hautsinn gegebenen Grenzen 
vorgestellt wird), betrifft äußere Körper«2). Raumvorstellungen der 
letzteren Art existiren aber beim Blinden überhaupt nicht. Simultan¬ 
vorstellungen können nur innerhalb der Grenzen des Raumsinnes 
der Haut entwickelt werden, und hier kommt vor allem der Raum¬ 
sinn der Handflächen in Betracht, welcher nahezu ausschließlich 
beim räumlichen Tasten der Blinden Verwendung findet. 
Nach diesen Ausführungen bedarf wohl die Behauptung Oehl- 
wein’s, dass der Blinde bei größeren Objecten nach Betasten aller 
1) Stumpf, Ueber den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung. 
Leipzig 1873, S. 284. 
2) Stumpf, a. a. O. S. 303. 
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