Bauhaus-Universität Weimar

Studien zur Blinden-Psychologie. 
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ist1). Die Verhältnisse der Erwartungsspannung begründen nun 
sicherlich auch den eigentümlichen Wechsel der haptischen Täu¬ 
schung. Je länger die continuirliehe Taststrecke ist, desto stärker 
macht sich während der Bewegung die Erwartung nach dem Ab¬ 
schluss derselben geltend. Bei den Punktstrecken wird dieser 
Abschluss von Punkt zu Punkt gleichsam vorbereitet und auf diese 
Weise die Intensität der Erwartungsspannung der Vergleichsstrecke 
gegenüber herabgesetzt. Hierbei muss aber die durch die verschie¬ 
denen Verhältnisse der Anstrengung bedingte Täuschung schließlich 
überwunden, ja jenseits einer gewissen Grenze, die wiederum von 
der gesammten psychischen Disposition des Beobachters abhängt, 
geradezu in ihr Gegentheil umgewandelt werden. 
Wären die absoluten Tastbewegungen der einzige Weg, auf 
welchem der Blinde zu räumlichen Anschauungen gelangen kann, 
so müsste schon die Entwicklung der einfachsten extensiven Vor¬ 
stellungen großen Schwierigkeiten begegnen. Dies gilt namentlich 
in Bezug auf die Entstehung des Urtheils über die gerade oder 
gekrümmte Richtung der Linien und Flächen. Lotze hat in seiner 
medicinischen Psychologie der Raumvorstellung des Blindgeborenen 
eine umfangreiche Betrachtung gewidmet2). »Sehr einfach wäre 
es«, meint Lotze, »geradlinig müsse die Kante eines Objectes 
erscheinen, an der der tastende Finger hinlaufe, ohne eine merk¬ 
liche Aenderung in der Art des Wechsels der Muskelgefühle zu 
erleiden. Allein gerade dieser gleichförmige Aenderungslauf der 
Muskelgefühle findet hier nicht statt. Lassen wir, indem wir von 
links nach rechts das tastende Glied fortführen, Hand und Finger 
in derselben relativen Stellung, und bewegen sie nur durch den 
Unterarm an der Kante des Objects fort, so würde dieser, falls das 
Ellbogengelenk unverrückt bliebe, einen Kreisbogen zu beschreiben 
suchen, und würde deshalb rechts und links weniger, in der Mitte 
der Kante dagegen weit stärker auf sie drücken. Um den Druck 
gleichförmig an der ganzen Länge der Kante herzustellen, müsste 
daher der Ellbogen in dem Maße zurückweichen, als die tastende 
Hand von links sich der Mitte nähert, und wieder vorwärts gehen, 
sobald sie über die Mitte hinaus nach rechts kommt. Die Wahr- 
1) Wundt, a.a. O. S. 411. 2) Lotze, Medic. Psychol. S. 420, dann 426f. 
Wundt, Philos. Studien. XI. 28
        

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