Bauhaus-Universität Weimar

Studien zur Blinden-Psyehologie. 
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Blinde die Richtung, in welcher eine Spitze aufgesetzt wird, bloß 
nach der Art des Eindrucks zu bestimmen vermögen. Hierbei 
erfolgte an den feinstempfindenden Hautstellen das bestimmte Ur- 
theil, ob die Spitze von rechts oder von links herangebracht worden 
war, während an den weniger geübten Theilen bloß die senkrechte 
von der schiefen Lage unterschieden wurde. Die Versuchspersonen, 
befragt, auf welche Weise sie zu diesen Angaben gelangen, gaben 
an, dass der Eindruck einer senkrechten Spitze viel schärfer sei 
als der einer schrägen ; über die Momente, welche der Unterscheidung 
von rechts und links zu Grunde liegen, konnten sie jedoch keine 
Rechenschaft geben. Es ist nun anzunehmen, dass die abweichenden 
Empfindungen in den drei genannten Fällen davon herrühren, dass 
bei senkrechtem Aufsetzen einer Spitze die unmittelbar berührte 
Epidermisstelle und die tiefer gelegenen Hautstellen, auf welche 
sich der Druck nothwendig fortpflanzen muss, mit einander über¬ 
einstimmen, während bei schrägem Aufsetzen diese Zuordnung nicht 
mehr erfolgt, speciell aber bei rechts und links in entgegengesetztem 
Sinne abweicht. Diese Ungleichartigkeit der Empfindungen muss 
nun das Bestreben wesentlich verstärken, den simultanen in einen 
successiven Eindruck überzuführen und auf diese Weise subjectiv 
das für die Auffassung günstigere Verhältniss herzustellen. 
Es würde zu weit führen, hier alle jene äußeren Einflüsse zu 
erwähnen, welche möglicher Weise auf die Feinheit des Raumsinnes 
verändernd einwirken können. In Kürze sei hier angeführt, dass 
die Temperatur der Umgebung nicht gleichgültig ist, Kälte das 
extensive Unterscheidungsvermögen herabsetzt, Wärme bis zu einem 
gewissen Grade hebt. Loewenton bemerkte bei seinen Versuchen, 
»dass während einiger Tage, in welchen der Arbeitsraum nicht 
genügend geheizt wurde, der Procentsatz der Richtigschätzung erheb¬ 
lich gesunken war im Verhältniss zu früheren Versuchstagen. Es 
sind somit bei den Untersuchungen über den Raumsinn größere 
Temperaturschwankungen nicht zulässig«>). Alle diese den Raum¬ 
sinn nach den verschiedensten Richtungen beeinflussenden Umstände 
gewinnen beim Blinden ohne Zweifel eine weit höhere Bedeutung 
1) Loewenton, Versuche über das Gedächtniss im Bereiche des Raum- 
Sinnes der Haut. Diss. Dorpat, 1893 S. 18. 
Wundt, PKilos. Studien. XI. 
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