Volltext: Studien zur Blinden-Psychologie (11)

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Tneodor Heller. 
musste manchmal halb unbewussten Tastbewegungen gewehrt werden«. 
Während Czermak und Goltz die Weber’schen Normalwerthe zur 
Vergleichung benutzt hatten, legte Gärttner seinen Versuchen die 
Angaben von Vierordt zu Grunde, die sich namentlich an den 
ungeübteren Hautpartien von ersteren zum Theil wesentlich unter¬ 
scheiden. Bei Berücksichtigung dieses Umstandes ergibt sich, dass 
die von Gärttner gefundenen Werthe eine erheblich stumpfere Unter¬ 
schiedsempfindlichkeit erkennen lassen, als die von Czermak und 
Goltz constatirten. Noch weit erheblicher sind diese Abweichungen 
bei den neueren Untersuchungen, welche Uhthoff und Hocheisen 
durchgeführt haben. Uhthoff1) konnte überhaupt keine Verfeine¬ 
rung des Ilaumsinnes bei Blinden wahrnehmen, trotzdem er nach 
vergeblichen Messungen an dem von ihm operirten blinden Knaben 
sehr intelligente erwachsene Versuchspersonen herangezogen hatte. 
JDie Angaben Uhthoff’s sind aber dadurch getrübt, dass er »die 
Größe der Empfindungskreise der Haut im wesentlichen als abhängig 
von der anatomischen Vertheilung unserer nervösen Tastorgane in 
der Haut ansehen zu müssen glaubt«. Da er demnach dem varia- 
beln Einfluss psychologischer Factoren auf die extensive Unterschieds¬ 
empfindlichkeit nicht gerecht wird, so erscheinen ihm die Angaben 
über den Raumsinn der blindtauben Laura Bridgman »mindestens 
sehr zweifelhaft«. 
Hocheisen’s Versuche beschränken sich auf die Untersuchung 
des Raumsinnes der Hand2). Dies erweist sich aus dem Grunde 
als sehr zweckmäßig, weil die extensive Unterschiedsempfindlichkeit 
der übrigen Hautpartien, mit Ausnahme von Lippe und Zunge, bei 
dem räumlichen Tasten des Blinden kaum in Betracht kommt. Zum 
Vergleiche gibt Hocheisen die entsprechenden Werthe bei einem 
14jährigen sehenden Knaben, bei sich selbst und schließlich nach 
den Vierordt’schen Angaben. Zweifellos eignen sich die beiden 
ersteren zu einem directen Vergleiche weit besser, als die nach einer 
abweichenden Methode und mit einem anderen Hülfsmittel gefundenen 
letzteren. Hierbei ergibt sich nun eine bloß geringere Verfeinerung 
1) Uhthoff, Untersuchungen über das Sehenlemen eines siebenjährigen 
blindgeborenen und mit Erfolg operirten Knaben. Hamburg und Leipzig 1891, 
S. 54. 
2) Hocheisen, Der Muskelsinn Blinder, Diss. Berlin 1892, S. 30.
	        
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