Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber Raumwahrnehmung beim monocularen indirecten Sehen
Person:
Müller, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4514/7/
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Robert Müller. 
und Helmholtz entfernt, hält er mit dieser Tiefentheorie für Ge- 
sichtswahrnehmungen an einem Nativismus fest, der im wesentlichen 
einer wenig zutreffenden Auffassung der Aufgaben der Physiologie 
entsprungen ist. Sie genügen uns ebenso wenig, als wir uns bei der 
Annahme gesonderter Faserarten, und zwar merkwürdigerweise dreier, 
beruhigen, die specifisch erregt werden sollen, so dass sie die geson¬ 
derte Empfindung der physiologischen Grundfarben vermitteln. Aber 
auch abgesehen davon, vermag seine Lehre keinen Aufschluss davon 
zu geben, in welcher Weise aus den gesonderten Tiefenwerthen die 
dritte Dimension als Continuum entsteht. Zudem wendet Schoeler1) 
ein, sie stehe überhaupt im Widerspruch mit den Thatsachen, indem 
man z. B. bei Schielenden beobachten könne, dass nicht nur Ver¬ 
schmelzung von Doppelbildern ohne Relief, sondern häufig sogar nur 
Höhenempfindung vorhanden sei. Daraus folgt, dass jene Werthe 
gar nicht correspondirenden Netzhautpunkten inhäriren, sondern dass 
die räumliche Ordnung anderen Motiven entspringen muss. Schoeler 
ist dabei so vorsichtig, sogleich den immerhin möglichen Einwand 
zurückzuweisen, es handle sich hier beim Schielenden um einen Defect 
wie etwa in dem Farbensysteme der Dichromaten, indem er sagt, 
dass durch die Schieioperationen jene Ordnung hervorgerufen werden, 
wie anderseits auch verschwinden könne. Ferner verdeckt He rin g’s 
Theorie eine Anzahl Lücken und vermag nicht den Einfluss gewisser 
Augenbewegungen aus tertiären Stellungen zu erklären, auf die ge¬ 
stützt Donders Hueck’s Theorie der Raddrehungen widerlegte. 
Diese Einwände, die sich wohl noch vermehren ließen, lassen uns 
Hering’s Theorie ablehnen. 
Die Annahme solch’ eigenartiger Tiefenwerthe rührt offenbar daher, 
dass die Raumanschauung als etwas vollständig eigenartiges aufgefasst 
wird, zu dessen Erklärung oder besser Analyse nur etwas durchaus 
gleichartiges, sie implicite schon enthaltendes, benutzt werden dürfe. 
Mit dieser Anschauung brechen die psychologischen Reihentheorien 
der Raumwahrnehmung, besonders die vollkommeneren Formen der¬ 
selben, die Localzeichentheorien. Die Reihentheorie Herb art’s 
dient eigentlich dazu, in wieder anderer Form seine Lehre von der 
1) Gtraefe’s Arch. f. Ophthalmol. Bd. IX. 1873. S. 52.
        

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