Bauhaus-Universität Weimar

Der Willensbegriff in der Lehre Spinoza’s. 
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bedingt ja auch die Verschiedenheit möglicher Beschlüsse einen anderen 
Verstand und Willen, d. h. ein anderes Wesen Gottes, was wider¬ 
sinnig ist. Auch hier wird in TJebereinstimmung mit dem »Handeln« 
und entgegengesetzt der »Freiheit« noch nicht von dem neuen — 
aller Werthung entkleideten — Vollkommenheitsbegriffe des Systems 
Gebrauch gemacht. 
Aus alledem erhellt die vollständige Elimination des Wollens in 
jedem Sinne aus der Gottsubstanz und die Umdeutung ihrer Willens¬ 
eigenschaften in bloßes Wirken oder Sein1). Stellt man sich einen 
Augenblick aus dem Bahmen des Systems heraus, so ist dies Ergebniss 
eigentlich schon mit dem pantheistischen Gottesbegriff Spinoza’s 
unweigerlich gegeben. Denn sind Welt und Weltenlauf in der alleinen 
Substanz — was die Art des Zeitverhältnisses und den Grad der 
Nothwendigkeit betrifft — ähnlich begriffen wie die mathematischen 
Lehrsätze in ihren Figuren, so ist für irgend ein Wollen weder Baum 
noch Bedürfniss. Die Absprechung hatte aber neben dem Willen 
auch den Verstand getroffen und beide wurden »ebenbürtig« und in 
gemeinsamer Behandlung (bis auf die kleine Schwankung S. 125) von 
der Substanz negirt. 
Freilich ist Gott die ewig-wirkende Substanz und überfeine 
Ohren mögen in dieser Bestimmung einen leisen Willenston hindurch¬ 
klingen hören. Spinoza ist es aber niemals in den Sinn gekommen, 
diesen energetischen Zug, der sein ganzes System beherrscht, nach 
Analogie des Willens zu denken: Die Substanz wirkt sich und die 
Welt; die Attribute wirken die unendlichen Modificationen; jeder 
Modus bewirkt einen anderen Modus2); es ist auch nicht das kleinste 
Element in diesem Weltbild, das nicht irgendwie wirkend wäre; und 
eben deshalb steht Verstand und Wille sich auch darin noch gleich. 
Auch Erkennen ist Thätigkeit, sowie Begehren, aber das eine nur 
1) Durch d* Thema des theolog. - polit. Tractats werden noch zahlreiche 
andere Umdeutungen von Gottes Willenseigenschaften nöthig und vollführt: so 
Gottes Gebote als ewige Wahrheiten, göttliches Gesetz = Liebe zu Gott 
(Cap. IV), Erwählung durch Gott = Bestimmung der Dinge (Cap. III) u. s. w. 
2) Das unklare Yerhältniss verschiedener Causalitäten, zwischen Gott und 
Welt, den Attributen und den unendlichen Modificationen einerseits, den end¬ 
lichen Dingen untereinander andrerseits hat Cam er er (a. a. 0.) überzeugend 
nachgewiesen.
        

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