Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Orientierung der Tasteindrücke an den verschiedenen Stellen der Körperoberfläche
Person:
Churchill, William
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4502/2/
Die Orientirung der Tastendrücke etc. 
479 
Nun ist es aber geradezu merkwürdig, dass, obwohl Weber uns 
auf diese Thatsache schon seit fünfzig Jahren aufmerksam gemacht 
hat, und obwohl so viele Versuche über den Tastsinn angestellt worden 
sind, niemand bei dieser Gelegenheit die W eher’sehen Bemerkungen 
auf ihre Richtigkeit hin geprüft hat. Es schien daher wünschens- 
werth, eine Reihe von Versuchen zu diesem Zweck anzustellen. 
Vermuthlicli wird eine dahingehende Untersuchung vor allem auch 
einen genaueren Einblick in die Associationen des Gesichts- und Tast¬ 
sinnes verschaffen. 
So ist längst bekannt, dass einfache Figuren, mit einem Stifte auf 
irgend welchen Theil der Haut geschrieben, deutlich wahrgenommen 
werden; es gehen aber dabei in die Wahrnehmung als Componenten 
stets Gesichtsvorstellungen ein, wie bei allen Fällen der Tastwahr¬ 
nehmung i). Diese Gesichtsvorstellungen sind immer vorhanden, selbst 
für solche Stellen der Körperfiäche, die wir nie an uns selbst ge¬ 
sehen haben, z. B. auch für die Stirn oder das Hinterhaupt. 
In diesen letzteren Fällen ist die Gesichtsvorstellung offenbar zu¬ 
gleich eine viel vermitteltere als bei solchen Stellen unseres Körpers, 
die wir selbst sehen können, und es erscheint jedenfalls werthvoll, 
auch diesen Unterschied von vorne herein im Auge zu behalten. 
Bevor wir nun tiefer auf unsere specielle Frage eingehen, wird es 
vielleicht zweckmäßig sein, die Bedeutung des Wortes »Buchstabe« 
klar ins Auge zu fassen. Bekanntlich ist der objective Buchstabe 
eine zweidimensionale Figur. Als concrete Vorstellung, als welche 
er allein ein gelesener Buchstabe ist, besitzt er aber natürlich wie 
alle concreten räundichen Vorstellungen seine Einordnung in die sub¬ 
jective Gesammtraumvorstellung, welche für die »Richtigkeit« des 
zu lesenden Buchstabens ein nicht minder wichtiges Kriterium bildet. 
Diese letztgenannte Orientirung erfolgt aber bekanntlich nach der 
Lage der Körpertheile des Subjects. Daher kommt es, dass eine 
auf einem Blatt Papier geschriebene Figur P für richtig geschrieben 
befunden wird, wenn sie in den durch Gewohnheit bestimmten räum¬ 
lichen Verhältnissen zu dem Körper steht, während eine andere Lage 
der Figur — etwa -ö oder — uns falsch erscheint. 
Es steht nun zu erwarten, dass dieselben Umstände wie beim ge- 
l) Wundt, Beiträge zur Theorie der Sinneswahmehmung 1860. S. 60.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.