Bauhaus-Universität Weimar

Neue Complicationsversuclie. 
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gleichzeitig aufgefasst werden, gleichzeitig appercipire. Mir scheint 
unter anderen Umständen das Bewusstsein der Gleichzeitigkeit un¬ 
möglich. Es scheint dieser Anschauung von Angell und Pierce 
eine unrichtige Anschauung über die Enge des Bewusstseins zu 
Grunde zu liegen, als oh Empfindungen verschiedener Sinne nur 
nacheinander, nicht gleichzeitig appercipirt werden können. Durch 
dieses Auseinanderschieben des Gleichzeitigen in der Apperception 
gewinnen sie die Möglichkeit der Erklärung der negativen Zeitver¬ 
schiebung: da eine gleichzeitige Auffassung von Schall- und Gesichts¬ 
eindruck — das ist ihre Anschauung — nicht möglich ist, so merke 
ich mir einen zu frühen Theilstricli und höre dann erst auf den 
kommenden Schall. Kehre ich dann nicht wieder zum Gesichtsein¬ 
druck zurück, so ist die negative Zeitverschiebung da. Auch Wundt 
hat schon darauf hingewiesen, dass ein derartiges Hin- und Her¬ 
gehen nicht stattfindet, und damit fällt auch die ganze Erklärung. 
In gewisser Weise verwandt ist die Erklärung von James. Auch 
er zerlegt den Act der Wahrnehmung in mehrere Glieder, aber ohne 
dass er das Bewusstsein der Gleichzeitigkeit auf eine Aufeinanderfolge 
gründet. Die mit dem Bewusstsein der Gleichzeitigkeit aufgefassten 
Eindrücke sind gleichzeitig wahrgenommen und appercipirt, Wie 
kommt es aber, dass die objectiv gleichzeitigen Eindrücke nicht auch 
gleichzeitig wahrgenommen werden? James macht hierfür verant¬ 
wortlich, dass ein momentaner Eindruck mit einem Punkt einer con- 
tinuirliehen Reihe verbunden werden soll. Dazu ist es nothwendig, 
dass man die Wahrnehmung der continuirliclien Reihe unterbricht 
und einen einzelnen Theilstrich wahrnimmt. Diesen appercipirt man 
dann gleichzeitig mit dem Schalle. Folgen die Schalleindrücke schnell 
aufeinander, so verspätet man sich etwas mit dieser Unterbrechung 
der Bewegungsauffassung zu Gunsten des Schalles; folgen sie zu 
langsam, so unterbricht man die Wahrnehmung der continuirliclien 
Reihe zu früh, etwTa nach Art der vorzeitigen Reaction. 
Auch diese Erklärung scheitert an den Thatsachen, vor allem an 
der Thatsache, dass keinerlei derartige Unterbrechung stattfindet, 
sondern dass man sehr bequem gleichzeitig die Bewegung und den 
Schall appercipirt. Ist die Bewegung erst einmal so schnell, dass man, 
um die Theilstriche zu bemerken, die Bewegung unterbrechen muss, 
so ist kein sicheres Urtheil mehr möglich. Es ist freilich richtig, dass
        

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