Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zum Problem der Grundlagen der Tiefenwahrnehmung
Person:
Kirschmann, August
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4494/13/
Zum Problem der Grundlagen der Tiefenwalirnehmung. 
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berührt die rechtsseitige Kante des gelben Kreuzes gerade die fünfte 
der blauen Linien (von rechts gezählt und die dickere Randlinie nicht 
mitgereehnet). Mit dem linken Auge dagegen sieht man noch den 
weißen Grund zwischen Kreuzkante und Gitterlinie. Figur 4 zeigt, 
dass auf weißem Grunde Blau am meisten in den Vordergrund und 
Gelb am weitesten zurückgerückt wird, während die übrigen Farben 
sich zwischen diesen Grenzen halten. Dieses eigenthümliche Ver¬ 
halten erklärt sich ganz einfach aus dem Umstande, dass für dunkle 
Flächen auf hellem Grunde bei der Dispersion nicht die Ordnung des 
gewöhnlichen Spectrums, sondern diejenige des umgekehrten (nega¬ 
tiven) Spectrums gilt. Das negative Spectrum beginnt mit Blau und 
endet mit Gelb1). Während bei der vorstehend beschriebenen Ver¬ 
suchsanordnung die Tiefenlocalisation für die Farben Roth, Gelb und 
Blau eine außerordentlich scharfe und bestimmte ist, zeichnen sich 
Purpur, und mehr noch Grün, durch eine auffällige Unsicherheit-und 
Unbestimmtheit aus. Dies dürfte sich unschwer mit der Thatsache 
in Zusammenhang bringen lassen, dass jede dieser Farben in einem 
der beiden Spectren den Ort mittlerer Brechbarkeit einnimmt, während 
sie im andern ganz fehlt. Im negativen Spectrum fehlt das Grün 
wie im positiven das Purpur. 
In Figur 5 sieht man mit bloßem Auge ein blau und gelb ge¬ 
mustertes Quadrat mit einem röthlichen Fleck. Bei binocularer 
Betrachtung durch eine Linse von etwa 20 cm Brennweite (etwa einen 
Fuß vom Auge und von der Figur entfernt) wird der blaue und gelbe 
1) Ein negatives oder umgekehrtes Spectrum (siehe auch Philos. Stud. VIII 
p. 174 fl. ; American Journal of Psychology Vol. VII p. 387 ff. und Psycholog. 
Series of the Univ. of Toronto Studies, Vol. I p. 100) entsteht, wenn in den Gang 
des Lichtes, ehe dasselbe das Prisma erreicht, ein undurchsichtiger Gegenstand, 
gleichsam ein negativer Spalt, eingeschaltet wird. Man kann einen zur oberen 
Hälfte positiven und zur unteren negativen Spalt benutzen und erhält dann das 
gewöhnliche und das umgekehrte Spectrum über einander zum Vergleich. An der 
Stelle der geringsten Refraction, dem Roth des gewöhnlichen Spectrums entspre¬ 
chend, sehen wir im umgekehrten Spectrum ein wunderschönes reines Blau, in 
der Mitte Purpur und am andern Ende, dem Violett entsprechend, ein ausgedehn¬ 
tes Gelb, das Gelb hat im negativen Spectrum die größte Ausdehnung, wie es im 
ordentlichen Spectrum die kleinste hat. Photographirt man beide Spectren, so 
findet man, dass das umgekehrte einen ultragelben Theil besitzt (Abwesenheit 
ultravioletter Strahlen), der sich auf der photographischen Platte genau in der¬ 
selben Ausdehnung kenntlich macht wie das Ultraviolett des ordentlichen Spectrums.
        

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