Bauhaus-Universität Weimar

Zur Theorie des Bewusstseinsumfanges und seiner Messung. 521 
Deutlichkeit der Buchstaben, hei der von vornherein eine gleich¬ 
mäßige Yertheilung der Aufmerksamkeit auf ein größeres Feld ge¬ 
geben ist, eine solche typische Wortform sogleich heraustreten kann. 
Dazu ist ja zunächst weiter nichts vorausgesetzt, als dass thatsächlich 
ein derartiger charakteristischer Gegenstand der Apperception und 
der Einübung bis zur Geläufigkeit möglich sei, wie er in dem opti¬ 
schen Typus des Wortes, abgesehen von seinen einzelnen Theilen, 
besteht. Nun zeigt aber die Psychologie der Abstraction nicht nur, 
dass an allen Complexen die verschiedenen Merkmale im gewöhn¬ 
lichen Sinne des Wortes als ebenso viel einheitliche, wenn auch nie¬ 
mals ohne ihre concrete Grundlage denkbare Gegenstände der Auf¬ 
merksamkeit zu betrachten sind, sondern auch, dass diese Merkmale 
von den übrigen »Merkmalen« relativ unabhängig zu besonderer Beach¬ 
tung gelangen können, wobei die übrigen Merkmale zwar infolge der 
vorhinbezeichneten Unmöglichkeit des Bewusstseins abstracter Vorstel¬ 
lungen ohne die ganze concrete Grundlage nicht aus dem Bewusstsein 
verschwinden, aber doch relativ unbeachtet bleiben. Wo aber solche 
selbständige Beachtung möglich ist, da kann auch eine relativ selb¬ 
ständige Einübung stattfinden, so dass nun in Zukunft auch der 
Complex sogleich immer auf seine Form hin betrachtet wird. Der 
sogenannte optische »Typus« ist nun in der That nichts anderes als 
das Merkmal der durch die Buchstabencombination entstehenden Ge- 
sammtform, deren Einheitlichkeit als Object der Betrachtung schon 
einmal zu ihrer Vergleichung mit derjenigen einfachster Qualitäten 
in dem Begriff der »Gestaltsqualität« geführt hat. 
Man braucht für unsere Frage nicht einmal zum allerallgemeinsten 
durch die abstrahirende Apperception gewonnenen Merkmal aufzu¬ 
steigen, welches die Wiedererkennung bedingt, wenn kein einzelnes 
Element, sondern nur die Beziehungen wiedergegeben sind, wie z. B. 
bei der Wiedererkennung der Melodie in verschiedenen Tonlagen. 
Man kann sich vielmehr diese klar bewusste Form einfach als Com- 
leugnen, dass die Gesammtform der geläufigen Wörter unter Voraussetzung der 
thatsäcliliclien Geläufigkeit des Sprachschatzes ohne gleichzeitige Möglichkeit, einen 
der einzelnen Buchstaben sicher festzustellen, einen viel sichereren Schluss auf das 
Wort innerhalb möglicher Grenzen gestattet, vorausgesetzt, dass wirklich ein sinn¬ 
volles Wort erwartet wird. Beim Lesen vollzieht sich dieser Process nur weniger 
reflectirt.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.