Bauhaus-Universität Weimar

Die Gründe ür die Erhaltung der Cultur. 
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Herkommens im ganzen wohl noch größer als bei uns, weil das Selbst¬ 
gefühl des Einzelnen dort nicht etwa schwächer, sondern eher stärker 
entwickelt ist1), derart dass Fälle, wo Kränkung des Selbstgefühles 
zum freiwilligen Tode führt, hei den Naturvölkern nichts Seltenes 
sind2). 
Dem Einfluss, den das Selbstgefühl auf praktischem Gebiet auf 
die Beobachtung des Herkommens ausübt, entspricht ein ganz ähn¬ 
licher auf theoretischem Gebiet. Es wirkt auch hier darauf hin, 
dass der Einzelne sich mit den herrschenden Denkgewohnheiten, be¬ 
vorzugten Anschauungen, Zeitströmungen, wissenschaftlichen, künstle¬ 
rischen, politischen, religiösen Moden und dergleichen oder den sitt¬ 
lichen Ideen seiner Zeit nicht in Widerspruch setzt. Zu einem 
solchen Widerspruch gehört nämlich nicht bloß viel eigene Initiative, 
sondern mindestens eben so viel Muth und Selbständigkeit. Denn 
auch hier verhängt die Gesellschaft .über Abweichungen dieselbe 
Missachtung und denselben Tadel wie auf dem praktischen Gebiet. 
Es gibt in den Augen der meisten Menschen nichts Vernichtenderes 
für eine Anschauung, als dass sie von niemandem getheilt wird, nichts 
Lächerlicheres für einen Einzelnen als sich zu einer derartig isolirten 
Auffassung zu bekennen. Natürlich wird dadurch nicht nur manche 
thörichte Extravaganz, sondern auch viel Gutes unterdrückt und er¬ 
stickt. Die übertriebene Werthschätzung, die die Eltern heute mit 
Vorliebe auf die Erfolge ihrer Kinder in der Schule legen, ist z. B. 
eine derartige zweischneidige Mode. 
2) Die Freude am Können. Sie beruht auf der Verschmelzung 
zweier Vorgänge, nämlich der Lust an der Thätigkeit und der 
Regungen des Selbstgefühles. Dass die Thätigkeit als solche unter 
gewissen Bedingungen und innerhalb gewisser Grenzen von Lust¬ 
gefühlen begleitet ist, ist sicher. Welche Befriedigung anderseits 
das Selbstgefühl aus der Bewältigung einer irgendwie gestellten Auf¬ 
gabe schöpft, ist ebenso klar. Insbesondere spielt dabei die Rivalität 
eine große Rolle, derart, dass man neben der »Freude am Können« 
1) Vierkandt, Naturvölker und Culturvölker. S. 181 ff. 
2) Ygl. Richard Lasch: »Besitzen die Naturvölker ein persönliches Ehr¬ 
gefühl?« Ztschr. f. Socialwissenschaft. Bd. Ill, S. 837—844.
        

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