Bauhaus-Universität Weimar

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G. Störring. 
können wir dabei allerdings eine einzelne Vorstellung im Bewusstsein 
constatiren, aber diese trägt nicht den postulirten allgemeinen Cha¬ 
rakter, den Charakter eines schematischen Totalbildes. Wundt sucht 
den Charakter solcher Vorstellungen auf folgende Weise zu bestimmen: 
»Sobald wir einen Begriff denken, steht zunächst das ihn bezeichnende 
Wort im Vordergrund unseres Bewusstseins; eine Vorstellung, die 
als Bild der unter dem Begriff enthaltenen Dinge gelten könnte, fehlt 
entweder ganz oder sie ist so dunkel, dass wir etwas bestimmtes über 
sie nicht auszusagen im Stande sind. Aber ursprünglich muss dies 
nothwendig anders gewesen sein, da, wie innig man sich auch die 
Verbindung zwischen Begriff und Wort denken mag, ein Anfang der 
Begriffsentwicklung gegeben sein musste, bevor der bezeichnende Laut 
sich feststellte. Schon die zahlreichen Synonyma, die, wie die Ge¬ 
schichte der Sprache lehrt, in den Anfängen der Sprachentwicklung 
für jeden Begriff auftauchten und allmählich erst einem einzigen oder 
einigen wenigen Platz machten, weisen auf eine minder feste Ver¬ 
bindung zwischen Wort und Begriff hin, bei der zugleich das sprach¬ 
liche Symbol im Verhältnis zur bezeichneten Vorstellung eine ge¬ 
ringere Stärke besitzen musste. Es gibt vielleicht nur einen einzigen 
Fall, wo sich unser Bewusstsein noch jetzt in dieser einen Beziehung 
in einem ähnlichen Zustande befinden kann, wie er vor der Sprache 
vorauszusetzen wäre: wenn wir uns nämlich an einen gegenständlichen 
Begriff erinnern, ohne uns auf das zugehörige Wort zu besinnen. 
Bei dem Wort Locomotive z. B. steht dieses im Blickpunkt des Be¬ 
wusstseins und nebenbei befindet sich in den dunkleren Regionen 
desselben ein Bild des Gegenstandes. Wenn wir uns jedoch den 
Letzteren ins Gedächtniss rufen, ohne an das Wort zu denken, so 
steht jenes Bild in deutlicheren Umrissen vor uns. Aber nichts unter¬ 
scheidet dieses auf den allgemeinen Erfahrungsbegriff bezogene Bild 
von irgend einer anderen Erinnerungsvorstellung : weder bemerkt man 
eine besondere Unbestimmtheit der Umrisse, noch ein Zerfließen in 
eine Reihe einzelner Vorstellungen«1). 
Wir haben es hier also mit einer Einzel Vorstellung zu thun; sie 
Pfrnn nur dadurch im entwickelten Bewusstsein directer und unbe¬ 
stimmter als andere Einzelvorstellungen sein, weil sie von der Wort- 
1) Wundt, Logik I, S. 45.
        

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