Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die erkenntnisstheoretischen Voraussetzungen des griechischen Skepticismus
Person:
Richter, Raoul
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4484/7/
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Raoul Richter. 
man darum die »Aussagelosigkeit« zu pflegen habe1). Aber selbst 
diese Ansichten tragen die Pyrrhoniker nur in der Form des »viel¬ 
leicht«, »es ist möglich«, »es kann sein« vor2), ohne feste Versiche¬ 
rung; zudem wollen die skeptischen »Redensarten« nicht allgemein¬ 
gültige Wahrheiten, sondern nur den augenblicklichen subjectiven 
Zustand des Nichtbestimmen-, Auffassen-, Aussagen-Könnens im ur- 
theilenden Subject anzeigen3). Um aber der Vorsicht und Vorurtheils- 
losigkeit die Krone aufzusetzen, so weisen die Pyrrhoniker auch das 
Urtheil von der Wahrheit der Urteilslosigkeit zurück, indem sie die 
skeptischen Redensarten gegen sich seihst kehren und so einiger¬ 
maßen der Schlange gleichen, welche sich mit dem eigenen Zahn 
verwundet. Oder, um den weit treffenderen Vergleich, den die Skep¬ 
tiker selbst ersannen, heranzuziehen: die skeptischen Redensarten heben 
sich selber auf »gleichwie die Purgative nicht nur die Flüssigkeiten 
aus dem Körper forttreiben, sondern auch sich selbst und die Flüssig¬ 
keiten zugleich herausführen«4). So kehrt sich das ooosv paXXov gegen 
sich seihst und ist »um nichts mehr« wahr als falsch; so steht dem 
uavt! Àri-pp ïoo; Àdyoç àvcixelxai durch seine eigene Kraft die Anti¬ 
these gegenüber und der Satz verschlingt sich selbst5). Daher wollten 
die Pyrrhoniker strenger Observanz ihre Philosophie nicht als System 
(aipsaic), sondern als eine Richtung (àym-f-vj) bezeichnet wissen6). Zeigt 
so der Pyrrhonismus von außen gesehen eine fast übertrieben vor¬ 
sichtige und voraussetzungslose Gestalt, so scheint er für den näm¬ 
lichen Oberflächenstandpunkt das Aeußerste an philosophischer Kritik 
zu leisten. Diese Gabe der Kritik wird geradezu als das skeptische 
Vermögen, die oxsTmxT] Sûvapiç seihst bezeichnet. Es besteht darin, 
die Aussagen der Sinne und der Vernunft in jeder erdenklichen 
Weise einander gegenüber zu stellen7). 
1) P. I, 197—201, 196, 188—191, 192/93. Diog. IX, 74—76. 
2) P. I, 194/95. 
3) Wie in der Commentirung, welche die oxeuTixal cpmvcd durch Sextus an 
den obigen Stellen erfahren, wiederholt versichert wird. Diog. IX, 74, 104. An 
letzterer Stelle werden die skeptischen Aussagen treffend »Bekenntnisse« (è£op.o- 
Xoyfiaen) genannt. 
4) P. I, 206. Diog. IX, 76. 
5) P. I, 14/15. Diog. IX, 75/76. 
6) P. I, 16/17. 
7) P. I, 8—10.
        

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