Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die erkenntnisstheoretischen Voraussetzungen des griechischen Skepticismus
Person:
Richter, Raoul
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit4484/48/
Die erkenntnisstheoretischen Voraussetzungen des griech. Skepticismus. 293 
und Selbstüberwindung dieser eigentümlichen Zweifelslehre gegeben 
wäre. — 
y. 
Wir kommen zum Schluss dieser Untersuchung, welcher unab¬ 
hängig von allen Belegstellen, die in den Werken des Sextus den 
naiven Realismus verraten, aus weiterer Entfernung und freierer 
Umgebung auf die erkenntnisstheoretischen Voraussetzungen der pyr- 
rhonischen Philosophie zurückblicken möchte. Ueberschaut man nämlich 
die skeptischen G-edankenreihen als Ganzes, so staunt man, dass diese 
scharfsinnigen Männer in Erkenntnisstheorie und Ethik sich oft so 
nahe an der Grenze fruchtbarer Entdeckungen bewegen, ohne doch 
je den entscheidenden Schritt zur Eröffnung neuer Bahnen getan 
zu haben. In der Theorie der sinnlichen Wahrnehmung weisen sie 
mit einer Ausführlichkeit auf den Anteil des Subjects an der Bil¬ 
dung der Vorstellungen hin, wie es im Altertum nie zuvor geschehen 
war; und doch streifen sie an keiner Stelle den Gedanken, dass die 
subjectiven Zutaten den Inhalt der Vorstellungen erschöpfen könnten, 
und dass, wenn man die Existenz unabhängig vom Subject bestehen¬ 
der Dinge fallen ließe, auch * alle Gründe des Zweifels an dieser Er- 
kenntnissart mit hinwegfielen (extremer Idealismus). Sie werfen die 
Frage auf, ob nicht weniger Eigenschaften, als wir an den Dingen 
wahrnehmen, und nur gewisse von den wahrgenommenen den Dingen 
selbst zukommen könnten; aber sie finden die Kraft nicht, die Eigen¬ 
schaften daraufhin zu untersuchen und durch eine nach logischen 
Gesichtspunkten vollzogene Trennung derselben in objective und sub¬ 
jective einen zweiten Ausweg aus den skeptischen Folgerungen zu 
eröffnen (kritischer Realismus). Dass dagegen die noch ausstehende 
dritte Möglichkeit, innerhalb der subjectiven Bewusstseinswelt allge¬ 
meingültige und zufällige Elemente zu sondern und auf letztere als 
Bedingungen aller Erfahrung ihre Gültigkeit für Erfahrung und damit 
ihre »Wahrheit« zu gründen, nicht von den Skeptikern entdeckt 
wurde, wird bei der Fremdheit, welche dieser Standpunkt für die 
gesammte Antike haben musste, Niemanden Wunder nehmen (kri¬ 
tischer Idealismus Kant’s). Und ähnliches gilt für die Ethik. Hier 
bezweifeln die Skeptiker bereits die Existenz an sich und unabhängig 
vom wollenden Subject bestehender Werthe auf Grund der Relativität
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.