Bauhaus-Universität Weimar

Die Entstellung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde. 
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Entwicklung kommt auch in der »äußeren Sprachform«, sogar in 
der Grammatik des Kindes und in seinem Vocabularium deutlich 
zum Ausdruck, indem die ersten Worte des Kindes sämmtlich Satz- 
worte sind, — denn ein Wunsch- oder Begehrungswort ist noth- 
wendig auch ein Satzwort1). Ich behaupte daher, dass nicht nur, 
wie zuerst Romanes und Waitz festgestellt haben, die Sätze des 
Kindes mit sogenannten Satzworten beginnen, sondern die ersten 
Worte des Kindes sind überhaupt Satzworte. Die Wortfunction 
des Wortes entwickelt sich erst aus seiner Satzfunction 
durch einen einschränkenden Process. Der natürliche Gang der 
Sprachentwicklung ist in diesem Punkt völlig paradox. Niemand 
würde aus Ueberlegungen a priori die Satzbedeutungen vor die Wort¬ 
bedeutungen stellen. Die erste grammatische Stufe des Kindes, 
die den Wunschworten entspricht, trägt einen verbal-interjectionalen 
Charakter (John Dewey). 
Ich werde in den folgenden Ausführungen die Entwicklung der 
»innern Sprachform« (Steinthal) von der der »äußern« getrennt 
behandeln. Hierbei begeht man natürlich eine Abstraction, da in 
Wirklichkeit sich innere und äußere Sprachform, Wortbedeutungen 
und lautlicher Charakter der Worte und ihrer Zusammensetzung zu 
Wortcomplexen beständig beeinflussen. Um die aus dieser Abstraction 
hervorgehenden Fehler zu vermeiden, ergänze ich meine Darstellung 
durch die Hinweise darauf, wie sich die Hauptpunkte der inneren 
Entwicklung der Sprache in der äußeren Sprachform ankündigen 
und wie diese wiederum auf jene zurückwirkt. Ich verstehe dabei 
unter der inneren Sprachform die Wortbedeutung und werde nur 
anhangsweise einen Blick auf die Entwicklung derjenigen geistigen 
Inhalte werfen, die das Kind mit seinen ersten Sätzen bezeichnet. 
1. Vorbedingungen und Vorstufen der kindlichen Sprachentwicklung. 
Die ersten Spuren eines Sprechens sinnvoller Worte treten im 
Durchschnitt bei normal entwickelten Kindern um die Wende des 
1) Der naheliegende Einwand, dass Wunschwörter auch Urtheile enthalten, 
also nicht zur rein associativen Sprachstufe gehören, besteht für mich nicht; die 
kindlichen »Wünsche« sind in dieser Zeit nichts als Gefühle und Begehrungen, 
die von einem Wahmehmungscomplex ausgelöst werden.
        

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