Bauhaus-Universität Weimar

Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen heim Kinde. 197 
auch jeder dem A ähnliche Eindruck die Vorstellung B reprodu- 
ciren kann. Die Unbestimmtheit der Wahrnehmung des Kindes muss 
hierbei die Wirksamkeit jenes Aehnlichkeitsgesetzes noch wesentlich 
erleichtern1). Dasjenige, was hierbei benannt wird, sind also gar nicht 
die verschiedenartigen Dinge (etwa die sämmtlichen Insecten oder 
Wein, Wasser, Teich und Bach), sondern nur jene Merkmale, rich¬ 
tiger jene Seiten oder Bestandtlieile der Gresammtwahrnehmung, mit 
welchen der Name kuak associirt ist. Dass wirklich nicht diese hetero¬ 
genen Dinge benannt werden, sondern nur jene von dem Kinde ent¬ 
deckten Seiten der Dinge, geht auch daraus hervor, dass das Kind 
die Objecte noch gar nicht in der Fülle ihrer differenten Eigen¬ 
schaften kennt, und wenn es einige von diesen kennt, so kann es 
diese Mannigfaltigkeit des Wahrnehmungseindrucks gar nicht beachten. 
Der Umfang seiner Aufmerksamkeit ist im zweiten Lebensjahre noch 
ein äußerst geringer. Ferner wird seine Aufmerksamkeit durch das 
wenige, was es an Dingen bemerkt, völlig gefesselt und absorhirt, es 
kann daher gar nicht jene verschiedenartigen Dinge benennen, son¬ 
dern nur jene Seiten derselben, für welche ursprünglich die Bezeich¬ 
nung gewonnen wurde. Man sieht nun leicht, wodurch der Schein 
jener Allgemeinheit des Wortes entsteht. Er entsteht dadurch, dass 
der Erwachsene nicht weiß, was von dem Kinde eigentlich benannt 
wird. Das Kind benennt die immer gleichen oder annähernd gleichen 
Bestandtheile des Eindrucks, welche die Wortreproduction veranlassen. 
Der Erwachsene schiebt ihm unter, dass es die ihm bekannten 
Dinge mit der Fülle ihrer verschiedenen Eigenschaften benennt. Der 
Akt, der Benennung selbst kann hierbei den Charakter einer mecha¬ 
nischen Auslösung der Reproduction, durch den wiedererkannten 
Wahrnehmungsinhalt tragen. Man sieht zugleich, dass der wahre 
Wortinhalt durchaus concreter Natur ist2): Einige sinnfällige Seiten 
oder Theile der Objecte werden wiedererkannt und vielleicht auch 
appercipirend vorgestellt, dagegen braucht der Wortinhalt in keiner 
AVeise abstract oder allgemein zu sein. Was hierbei stattfindet, ist 
höchstens eine primitive Vorstufe der niederen »psychologischen« 
1) Vgl. Külpe, Grundriss der Psych. S. 197. 206 u. f. S. 
2) Man vergleiche die Ausführungen über concrete und abstracte Wortbedeu¬ 
tungen in meiner größeren Abhandlung über die Kindersprache. Leipzig, Engel - 
mann, 1902.
        

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