Bauhaus-Universität Weimar

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E. Meumann. 
4. Die Intellectualisirung der emotionellen Sprache. 
Ich bezeichnete bisher die erste Sprachstufe des spontan spre¬ 
chenden Kindes als die emotionell-volitionale Sprache: Das Kind 
bezeichnet nicht Gegenstände, Vorgänge, Personen, Eigenschaften, 
Beziehungen, sondern ausschließlich oder vorwiegend deren Bezieh¬ 
ungen zu seinem Gefühls- und Willenslehen. 
Der nächste Fortschritt besteht nun darin, dass der Gefühls¬ 
charakter der ersten Worte sich allmählich verliert. Er tritt zurück 
gegen die mehr gegenständliche Bezeichnung dessen, was wahr¬ 
genommen wird. Damit -wird die Sprache einem Intellectualisirungs- 
process unterworfen: An Stelle des emotionellen und activen Sinnes 
der Worte tritt eine mehr gegenständliche und intellectuelle Bedeutung. 
Anfangs heißt z. B. »tuhl« ich möchte auf dem Stuhl sitzen, » doors 
ich will die Thür aufmach en oder zumachen, später wird es zur 
Bezeichnung der Gegenstände Stuhl und Thür-. 
Mit dieser Intellectualisirung der Sprache wird dann erst eine 
Vorbedingung zur logischen Verarbeitung der Wortbedeutung ge¬ 
schaffen, die aber, wie wir sogleich sehen werden, noch längere 
Zeit durch eine niedrigere Stufe der intellectuellen Wortbedeutung 
aufgehalten wird. Erst nachdem diese Intellectualisirung und Ver- 
gegenständlichung der Wortbedeutungen eingetreten ist, beginnt auch 
die Wahrnehmung des Kindes sich genauer mit den Gegenständen 
als solchen zu beschäftigen. Es ist natürlich anfangs ein Hindemiss 
für die genauere Analyse der Dinge und Vorgänge der Umgebung, 
wenn sie bloß nach ihrer Gefühlsseite beachtet und benannt werden, 
erst in dem Maße, als diese Art der Reaction auf den Anblick der 
Dinge und Personen zurücktritt, wird das Ding selbst mit seinen 
rein den Intellect ansprechenden Eigenschaften Gegenstand der Auf¬ 
merksamkeit. Man muss ausdrücklich bemerken, dass die Processe 
der Sprachbildung sich bei keinem Kinde so bestimmt von einander 
trennen, dass nicht auch schon von Anfang an einzelne Worte als 
wirkliche Benennungen der Gegenstände oder Personen vorhanden 
wären. Dies ist schon einfach dadurch bedingt, dass der Erwachsene 
in gewissem Maße dem Kinde seine eigenen Wortbedéutungen auf- 
nöthigt. Der unmittelbare Erfolg dieser Intellectualisirung der Wort¬ 
bedeutung ist aber keineswegs ein großer. Alle ersten Wortbedeutungen
        

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