Bauhaus-Universität Weimar

Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde. 
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wort allmählich durch häufige Wiederholungen zum allgemeinen Aus¬ 
druck des Wunsches wird. Hierbei wirken zwei Umstände unter¬ 
stützend mit. Die Wortarmuth des Kindes bedingt, dass es immer 
dasselbe Wunschwort verwendet, also allmählich auch andere Gegen¬ 
stände als Kopfbedeckungen und Deckel mit diesem Worte begehrt. 
Dadurch verblasst dann die Erinnerung an die specielleren Wunsch¬ 
objecte, die anfangs mit huta bezeichnet wurden. Das Gemeinsame 
(der Aehnlichkeitscharakter) der einzelnen Wünsche zusammen mit 
der Wortarmuth bewirkt dann, dass das speciellere Wunschwort 
allmählich auf andre verwandte Wünsche associativ übertragen wird, 
und so wird das speciellere Wunschwort zum allgemeinen. Andre 
Beispiele machen den Wunschcharakter der ersten Worte des Kindes 
noch deutlicher, insbesondere erläutern sie recht drastisch, dass 
gerade durch die Nichtbeachtung dieses Wunschcharakters der Schein 
logischer Allgemeinheit der kindlichen Wortbedeutungen entstehen 
muss. Prey er berichtet von einem Kinde, das an seinem Geburts¬ 
tage das verstümmelte Wort »burtsa« erlernte; von da an wurde 
burtsa die allgemeine Bezeichnung für alles, was ihm Freude machte 
(Preyer S. 338). Scheinbar werden hier mit burtsa die allerver¬ 
schiedensten Dinge bezeichnet. In Wahrheit gilt die Bezeichnung 
immer demselben inneren Erlehniss, der gleichen emotionellen Stellung¬ 
nahme des Kindes zu den verschiedenen Gegenständen: dem Aus¬ 
druck der Freude über irgend etwas, das seinen kindlichen Geist 
interessirt. Lindner’s Knabe begann sein Sprechen unter anderem 
mit dem Lallworte »dada« (dat). Dada hieß Tater, Mutter, Kinder¬ 
wärterin, Schwester, aber auch die Milchflasche, endlich jeder auf¬ 
fallende Gegenstand überhaupt. Dem Anscheine nach liegt hier also 
ein Begriff von sehr großem Umfange oder ein Wort von großer 
Allgemeinheit vor. In Wahrheit ist dada nichts als ein lautlicher 
Ersatz für eine hinweisende Gebärde. Er drückt das Erlehniss aus : 
Dieses oder jenes interessirt mich, das macht mir Freude, das fesselt 
meine Aufmerksamkeit. Lindner’s Mädchen erhielt ein Stück 
Apfel und erlernte dabei das Wort »appn«. Ton nun an wurde das 
Wort »appn* spontan gebraucht zur Begehrung jedes essbaren Gegen¬ 
standes, endlich zur Bezeichnung des Appetits oder Hungers über¬ 
haupt. Dem Anscheine nach liegt hier wiederum eine »Wortverall¬ 
gemeinerung« vor (Ament), eine Verwendung des gleichen Wortes
        

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