Bauhaus-Universität Weimar

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E. Meumann. 
2. Die Entwicklung des Sprachverständnisses heim Kinde. 
Keiner der bisherigen Beobachter und Interpreten der kindlichen 
Sprachentwicklung hat die Entwicklung des Sprachverständnisses 
beim Kinde auch nur einigermaßen genügend bearbeitet. Gegenüber 
der altern Auffassung (Preyer und Lindner), welche ihr zu viel 
Bedeutung für die allgemeine Entwicklung des kindlichen Intellectes 
beimessen, ist die Erforschung des reinen Sprachverständnisses in der 
Periode der »Hörstummheit« gegenwärtig vielfach zu sehr unterschätzt 
worden. Nach dem Schema Erdmann’s würde es sich einfach 
darum handeln, wie »die associative Verknüpfung zwischen den Wort- 
und Bedeutungsvorstellungen« zu Stande kommt. Der Erwachsene 
hat ja Wort- und Sachvorstellungen ; associiren sich nun Sachvor- 
stellungen mit Wortvorstellungen, so sind sie Bedeutungsvorstellungen. 
Das Kind hört anfangs Worte, die für dasselbe bloße Worte (Laut- 
complexe) ohne Bedeutung sind; anderseits besitzt das Kind bereits 
vor dem Beginn der Sprachentwicklung eine Fülle von Sachvor¬ 
stellungen, und die Frage ist nun, wie sich diese letztem mit jenen 
erstem verknüpfen? — In dieser Weise wird vielleicht jeder das 
Problem formuliren, der es a priori construirt und nicht im Anschluss 
an die Thatsachen die Frage behandelt. Die wirkliche Entwicklung, 
die ich sogleich ausschließlich an der Hand der Beobachtungen dar¬ 
legen werde, zeigt, dass bei der Auffassung Erdmann’s ein logisches 
Schema, das auf den erwachsenen Menschen passt, in das kindliche 
Seelenleben hineingetragen wird, von dem sich in der Wirklichkeit 
nichts vorfindet. Da die Ausführungen Erdmann’s als typisch 
betrachtet werden können für das Hineinconstruiren von Problemen 
in das kindliche Seelenleben, die rein nach Analogie mit dem Er¬ 
wachsenen gebildet sind, so versuche ich den wahren Sachverhalt 
im Gegensätze zu Erdmann’s Auffassung zu entwickeln. (Man ver¬ 
gleiche zum Folgenden : Erdmann, Die psychologischen Grundlagen 
der Beziehungen zwischen Sprechen und Denken, Archiv für syste¬ 
matische Philosophie H, 3, 1896, ff.) — Nach der Auffassung von 
Erdmann erwirbt das Kind vor dem Beginn der Sprachentwicklung 
eine Fülle von » Sackvorstellungen «. Sie sind im wesentlichen »Wahr¬ 
nehmungsgeflechte sinnlicher Gegenstände« ; deren Nachwirkungen
        

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