Bauhaus-Universität Weimar

Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde. 
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trennen sich also auch äußerlich die beiden bisher behandelten Perioden 
scharf von einander ah. 
Eine dritte Vorstufe (genauer würde man von einem. dritten 
vorbereitendem Process reden) der kindlichen Sprachentwicklung, die 
der Zeit nach schon während der letztem an einzelnen Punkten 
anhebt, ist das bloße Verstehen vorgespro chener Worte, während 
das Kind noch nichts spontan spricht. Es ist die Periode der 
»normalen Hörstummheit«1) oder des bloßen Sprachverständnisses 
der Kinder. / Die Kinder verstehen sehr vieles, oft (hei verspäteter 
Entwicklung der Sprache) nahezu alles, was die Erwachsenen in dem 
engen Bereich ihrer Interessen zu ihnen reden, sie sprechen aber 
seihst nicht/. Auf dieser zweifachen Basis: auf dem Sprach- 
verständniss ohne Sprechen und dem bloß lautlichen Nach¬ 
ahmen vorgesprochener Worte erhebt sich meist am Anfang 
des 2. Lebensjahres die eigentliche Sprache. Damit beginnt die 
Periode, die den Gegenstand dieser besondern Abhandlung bildet: 
die Periode der Gewinnung der ersten gesprochenen sinnvollen Worte. 
Bevor ich aber zu dieser übergehen kann, muss jene zuletzt erwähnte 
Vorstufe der eigentlichen Sprache, die Stufe des bloßen Sprach¬ 
verständnisses, genauer ins Auge gefasst werden; denn die Art 
des Sprachverständnisses, die sich unmittelbar vor und während des 
Beginns des selbstthätigen Sprechens beim Kinde vorfindet, ist natür¬ 
lich von entscheidender Bedeutung für den Charakter der ersten 
Wortbedeutungen, die das Kind selbst spricht. Ich kann mich nicht 
entschließen, mit Erdmann die Entwicklung des Sprachverständ¬ 
nisses zur Entwicklung der Sprache zu rechnen und als erste Stufe 
der Sprachentwicklung überhaupt zu bezeichnen. Es ist doch un¬ 
möglich, von einer Stufe der Sprachentwicklung zu reden, wo noch 
keine Sprache da ist! Unzweifelhaft gehört sie sachlich und logisch 
zu den Vorstufen der Sprachentwicklung2). 
1) Die Ausdrücke »Hörstummheit« und »hörstumm« (von Coën eingeführt, 
vgl. dessen Schrift: Die Hörstummheit und ihre Behandlung, 1888) sind gramma¬ 
tisch sehr schlechte Bildungen; richtiger wäre »hörendstumm« und »Hörend¬ 
stummsein«. /'t- 
2) Y gl. Erdmann, a. a. O. S. 383 ff. Niemand spricht von der »Sprache« 
eines Taub- oder Hörstummen, obwohl beide Spräfchverständniss besitzen. 
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