Bauhaus-Universität Weimar

Beobachtungen an Zweiklängen. 
621 
fortsetzen. Die ermüdende Wirkung tritt bei musikalischen und bei 
relativ feinhörigen Beobachtern sehr rasch ein und gleicht sich nur 
langsam wieder aus. 
Abgesehen von diesem Ausnahmefalle einer zu oft wiederholten 
oder zu lange dauernden Einwirkung von Schwebungen sind die durch 
Stimmgabelzweiklänge erzeugten Gefühle durchschnittlich recht mäßig, 
die angenehmen noch weniger intensiv als die unangenehmen. Es 
handelt sich ja dabei, im Vergleiche etwa zu den Eindrücken der 
neueren Musik, um sehr einfache Erlebnisse. Aber schon diese rela¬ 
tiv einfachen Gefühle sind keineswegs bloß intensiv, sondern auch 
qualitativ abgestuft. Auf der negativen Seite ist der wichtigste dieser 
qualitativen Unterschiede derjenige, der den beiden unterschiedenen 
Eactoren der Unlust entspricht. Die vorwiegend durch aufdringliche 
Schwebungen bedingte Unlust wurde wiederholentlich besonders von 
dem in der Analyse seiner Gefühle erfahrenen St als sinnliche 
bezeichnet, im Gegensatz zu der mehr intellectuellen Unerfreulich- 
keit der schwer zu unterscheidenden, halb verschmolzenen Theiltöne. 
Es ist nicht ausgeschlossen, worauf Stumpf gelegentlich hinweist, 
dass das deutliche Bemerken und Unterscheiden der Theiltöne an 
sich von angenehmen Gefühlen begleitet ist. St und K constatirten 
wiederholt bei sich derartige, wohl ziemlich mannigfach bedingte Lust¬ 
gefühle. Misslingt die Analyse im Gegensatz zu früheren Erfahrun¬ 
gen, so erlebt man jedenfalls eine specifische Unlust, um so empfind¬ 
licher, je ausgeprägter das allgemeine Bewusstsein einer undeutlichen 
Mehrheit, einer Mehrheit von unanalysirbaren oder schlecht unter¬ 
scheidbaren Theiltönen ist. Diese Unlust wird leicht auch auf die 
Fälle sich übertragen, in denen eine actuelle Absicht der Analyse 
nicht vorliegt. Aber auch ohne diese Ueberlegung, mehr unmittelbar, 
begreift man die Unannehmlichkeit verschwommener, nicht ganz ver¬ 
schmelzender und doch nur mit Mühe unterscheidbarer Theiltöne, 
wenn man die Analogien auf anderen psychischen Gebieten, beson¬ 
ders auf dem der Gesichtsempfindungen, bedenkt. 
Eine eigenthümliche, schwache und mehr intellectuelle Unlust 
haftet zuweilen, am häufigsten für Musiker, an den vollkommensten 
Consonanzen: Octave, Duodecime, Doppeloctave, Quinte. Diese 
Klänge erscheinen dem an die vollen Harmonien der modernen Musik 
gewöhnten Ohre, vollends in Stimmgabeltönen, leer und dünn. Wenn
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.